Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1851. — 47.
Vor Landau.
„Er wird gleich selber hier erscheinen", sagte Bestow } „in der Schmiede dort tröstet er zum großen Weg eine Frau, deren frühzeitigen Tod auch Sie mit zu verantworten haben". — „Ich"? — „Ja wohl, durch Ihr feiges Davonlaufen vor Landau. Doch lassen wir daS. Ich weiß schon von selber, daß eS viel leichter ist, wehrlose Landpfarr^er zu geistern, als ruhigen Blutes dem Pfeifen der Kugeln zu lauschen."
Der Pfarrer kam eben auS der Schmiede, dem geärgerten Prahler ganz gelegen. Zinn trat ihm entgegen und redete ihn an, in Gcberde und Ton leidlich höflich, um den horchenden Freischärler nicht vor den Kopf zu stoßen. „Bürger Baumann", sagte er, „ich bedaure un* endlich Sie behelligen zu müssen, doch wenn Sie sich nicht strengstens verpflichten, fortan für die Republik zu predigen und zu wirken, so seh' ich mich genöthigt Sie als Gefangener nach Kaiserslautern zu senden. Sie werden dort noch mehrere Amtsbrüder finden". — „Desto besser", antwortete der Geistliche sehr gelassen; „eS ist auch ein Trost, Genossen im Unglück zu haben. In einer Viertelstunde bin ich bereit". — „Wie"? rief Zinn verwundert, I „sollten Sie nicht vorziehen das Versprechen ausznstellen"? — „Nein". — „Aber wenn Sje nun dem Standrecht verfallen"? — „Dann wird sich bestätigen, daß die neue Freiheit noch schlimmer ist als die alte sogenannte Knechtschaft. Vor einigen Jahren verbot mir die königliche Negierung doch nur daS Predigen, weil ich die Rechte der Kirche gegen weltliche Eingriffe verwahrte; ihr aber fangt gleich mit dem Todischießen an. Indessen da die Zwischenregierung für jetzt meine Obrigkeit, so muß ich mich unterwerfen, wohlverstanden, nicht etwa dem Gebot deS Redens, aber dem Haftbefehl. Gegen mein Gewissen zu sprechen, dazu zwingt mich keine Macht der Welt". — „Ich will mich mit Ihrem Schweigen begnügen", sprach i Zinn, verblüfft durch deS Greises ruhige Entschiedenheit^
(Fortsetzung.)
Bestow fiel ihm heftig in die Rede: „Sie werden den hochwürdigen Greis mit der größten Rücksicht behandeln". — „Soll ich Ihnen meine Vollmacht nochmals unter die Nase reiben"? fragte Zinn giftig; „sie ist von der Regierung ausgestellt". — „Lassen Sie nur stecken", antwortete ver Hauptmann; „ich weiß, waS der Wisch enthält. Die Federfuchser in der Fruchthalle zu Kaiser-S- lautern machen eben einen dummen Streich um den andern. Die Volkswehr richten sie auf dem Papier ein, die nöthigen Waffen verschreiben sie aus Lüttich und St. Etienne, doch nach der Ausführung kräht kein Hahn. Wenn's nur geschrieben steht, dann ist'S lang gut. Zum Feldhauptmann ernennen sie den wampigen fauleil Freßsack, den Sznaiva, der wie die Schlange Anaconda seine Zeit zwischen Schlingen und Verdauen theilt. Von den übrigen Polacken will ich gar nicht reden. Wer nur ein Bissel ein rechtschaffener Pole ist, der hat längst den Echnauzbart in die Höhe gezwirbelt und ist unter die HonvedS gegangen. Ihr aber leckt alle Finger nach dem i Abhub, nach den lüoerlichsten Windbeuteln, die nur üppig leben und Staat machen wollen, um hernach vor dem ersten Knall davon zu laufen. Gestern erst war so ein Kerl hier, ein Graf, natürlich, denn drunter thut's keiner; in ganz Polen gibt'S nicht so viel Leute, als draußen verbannte Fürsten und Grafen. Deutsch hat er kein Eterbenöwort verstanden, und die Bauern hat er reitpeitschen wollen, um sie für den Aufstand zu gewinnen. Wir haben den Tropf heimgeschickt, und mit Ihnen werden wir'S um kein Haar anders machen, wenn, Sie polnisch mit uns tanzen wollen". — „Sie können schön grob sein für Ihr Alter", meinte Zinn; „jetzt will ich aber einmal gehen und Ihren Schützling aufsuchen". — !
