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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1851. — â 38.

Vor Landau.

(Fortsetzung.)

Der Wachtmeister hätte sich eben so qutiviüiq vom ersten besten Lotterbuben Haar für Haar auS dem Bart rupfen lassen, als solchen Schimpf ertragen. Er begann weidlich zu schelten, die abgefallenen Soldaten Verrälher und Ausreißer zu nennen und seine eigene Treue gegen den Kriegsherrn zu rühmen, wogegen die jungen Lands- kute tapfer entgegen schimpften, und vorzüglich sich deS beliebten Ausdrucks „Vvlksrebell" bedienten. Jonas, BrutuS mit ihren Hausgenossen und Napoleon vergrö­ßerten den Lärm, indem sie Ruhe schaffen wollten. Auf der Straße liefen die Leute zusammen und begannen ebenfalls mit dem Ruf zur Ordnung die Verwirrung ärger zu machen. — So weit waren die Dinge gediehen, als Therese herbeikam und fast unmittelbar nach ihr Luitpold. Dem Junker gelang es, eine Art von Ruhe herzustellen, theils weil er bei den Soldaten wohlgelitten war, theils weil die Bauern in bedrohlicher Weise für den Großvater Partei zu nehmen begannen. Auf des Friedensstifters Geheiß trugen die Streitenden nochmals ihre Sache vor, immer nur einer auf einmal redend. Aus­drücklich nahmen sie allerseits die ausgestoßenen Belei­digungen zurück.

»Jetzt bitte ich um ein wenig Gehör" , sagte Luit­pold endlich, „doch ausreden müßt ihr mich lassen, sonst fang' ich lieber gar nicht an". — Ringsum hieß es, der »bayerische Hiesel" möge nur seine Weisheit auskramen. »Der ganze Streit", hob der Junker an, „dreht sich meines Erachtens um eine Meinungsverschiedenheit über die Pflicht deS Soldaten. Die Herrn Kameraden insgesammt hegen freilich die Ansicht, daß sie dem Vaterlande dienen, Und daß der König nur als oberster Staatsbeamter im Auftrag des gesummten Volks ihr Befehlshaber fein

dürfe". — „Bravo"! riefen die Hörer ringsum; „gut gegeben ! Der Soldat ist Bürger vor allen Dingen"! — Luitpold fuhr fort: „Wie ich mit Vergnügen wahrnehme, theilen auch die Herrn Gutsbesitzer von Frankweiler eine Ansicht, welche derzeit in ganz Deutschland so ziemlich die vorherrschende fein wird". — „Nehmen Sie mich ja nicht auS", rief Cassius. — „Davor bewahre mich der Himmel", sprach Luitpold; „ich bin noch nicht beim Un­terschied, doch will ich gleich darauf kommen. Die Herrn Kameraden drunten haben ein ruhiges Gewissen, weil sie sich in gehöriger Form von ihrem bisherigen Führer be­urlaubten. Dennoch meinen sie, eS wäre wohl auch ohne die Förmlichkeit eben so gut gegangen". — „Halt da"! rief Maier, „das meinen, wir nicht". — „Nicht" ? fragte der Junker voll gulgespielter Verwunderung; „wenn Sie das nicht meinen, wie kommen Sie denn dazu, einen in Ehren ergrauten Krieger zum Ausreißer machen zu wol­len ? Wenn Sie daS nicht meinen, so müssen Sie au­genblicklich das Pferd des Wachtmeisters loögeben und ihn selbst frei lassen".

Die Schwallanscheers steckten murmelnd die Köpfe zusammen. Luitpold benutzte die Pause, nach seinem Roß zu senden. Zögernd hob Maier an: „Wenigstens muß der Herr Müller versprechen ..." — „Was versprechen"? fiel ihm der Junker heftig in's Wort, „etwa zu handeln wie ein Ehrenmann? Haden Sie wirklich das Herz, ihm ein solches Versprechen abzuverlangen? Nur zu l fangen Sie an, da steht er"! — Betreten schwieg der Gefreite und wandte sich fragenden Blickes zu seinen Be­gleitern. Den Leuten war etwas allerdings nicht recht, nur wußten sie nicht, wo der Haken stack, was Luitpold wohl merkte. Er hatte aber keine Lust, ihnen Bedenkzeir zu gewähren. Sein Pferd wurde gebracht, er schwang sich auf. Cassius bedurfte keines Winkes, um dem Bei­spiel zu folgen. Mit dem Adschiednehmen hielten sie sich