Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 33.
Vor Landau.
Von Wilhelm Chezy. *)
I.
Von Lauterburg bis WormS spiegeln sich an der linken Seite deS Rheins die Ufer der bayerischen Pfalz in den Wogen; ein wunderlich abgegrenztes Stückchen Vaterland . Der ehrwürdige Strom, welcher ehedem mitten durch die alte Pfalz hindurchging, ist zur unnatürlichen Schranke geworden, welche durch künstliche Gewalt von einander hält, was von Gottes und RechlS wegen zu- sammengehört. DaS lodgetrennte Glück am rechten Ufer, verbunden mit einem Fetzen vom verstümmelten Franken- land, sperrt die Pfalz vom Königreich Bayern ab, wo, durch sie zum verlorenen Posten wird, statt ein Bollwerk des deutschen Reichs gen Westen zu sein. So haben dem göttlichen Gebot entgegen auch hier einmal wieder Menschenhände geschieden, was der Himmel zusammengefügt. Südwärts gränzt die Pfalz an die Landschaft, deren Geschichte einer der schmählichsten Rostflecken auf dem Schilde unserer Ehren ist. Weißenburg, die deutsche Feste, hütet dort den Raub Ludwigs XIV. mit den langgestreckten französischen Feldschanzen am rechten Ufer der Lauter. Westwärts ist dem Pfälzer die Beschämung erspart, nach Lothringen hineinzuschauen, weil der letzte Streifen preußischen Landes ihm die demüthigende Aussicht gegen Metz benimmt. Von Saargcmünv zieht sich schräg in eigensinnigem Zickzack die Gränze an den schwarzweißen Pfählen bis Kreuznach hin, wo sie mit der rheinhessischen Abschei- dungSlinie zusammentrifft, die ebenfalls schräg von Worms herabkommt und von Kreuznach nach Bingen der Nahe bis in den Rhein folgt.
Die Landschaft besitzt Städte von berühmten Namen. 3m deutschen Strome spiegelt sich Speier, die uralte
*) Aus dem „Morgenblatt".
Reichsstadt mit dem ehrwürdigen Dom, weiter oben Germersheim, die kleine Festung, wo der flüchtige Großher- zvg von Baden im Mai 1849 die erste Zuflucht vor dem Aufruhr fand: er selbst, doch nicht seine wenigen Getreuen, denn Reiter und Geschütze, die ihn geleitet, wurden vom bayerischen Befehlshaber zurückgewiesen. Natürlich, er durfte doch kein fremdes KriegSvolk in sein festes Haus lassen. Landeinwärts, ein paar kleine Stunden hinter Germersheim bei der AuSmündung deS Annweiler Thales, ragen die hohen Bollwerke von Landau, ein Fünfeck von geringem Umfang, aber bekannt durch viele blutige Kämpfe um seinen Besitz. Von Landau führt die Straße am Fuß der gesegneten Weinberge hin nach der frohmüthigen Neustadt an der Hard, bei welcher daS Hambacher Schloß von der Höhe schaut. Dort wurde einst die Vorrede gehalten zu dem blutigen Vorspiel, daS nach einem halben Menschenalter aufgeführt werden sollte. Ueber Neustadt führen von Speier wie von Ludwigshafen und Mannheim die Schienen nach Kaiserslautern. Von Landau westwärts ist Zweibrücken zu suchen, veralte Sitz großer ReichslehnSträger auS dem wittelbach'fchen Stamm.
Das Land ist eines der fruchtbarsten. Weithin werden vor allem seine edlen Weine gepriesen. Die Bewohner sind ein aufgewecktes Volk und im Rheinthal ziemlich wohlhabend. Die Großväter des fetzigen Geschlechts gehörten zu den ersten, welchen die neufränkischen Weltbe- glücker ihren unheimlichen Segen brachten. Um so eher waren die Plagen überstanden, um so festere Wurzel schlug daS Guie. Als nach Napoleons Sturz die Herge- stellte Ordnung der Dinge kam, fand sie auf dem befreiten Grund und Boden ein neues Geschlecht, dem sie manches zwar wieder nehmen durfte, nur nicht die kostbarste aller Errungenschaften, den Grundstein und die sicherste Bürgschaft der Freiheit, das öffentliche, mündliche Ge--
