Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.,
1851 — ^F 20.
An der Grenze.
(Fortsetzung)
„Ja, ja, Vater", fuhr Georg fort, „der Frühauf kam zu mir in höllischer Angst und Eile und meinte, die Bursche seien bereits im Wald vermuthlich bei der Pfaffenwiese; daher habe er sich davon gemacht. Und das bringt mich darauf, daß eS mit Frühauf nichts mehr ist. Der Schuft fragte wieder nach unsern Wegen; er müsse bei solchen Gelegenheiten doch einen Dritten davon entfernen können; so wisse er nicht, waS zu verbergen und was gleichgültig sey. Und dennoch, wett' ich, kennt er schon die Wege und verräth unS bei nächster Gelegenheit aus purer Angst".
„Hm"! sagte der Krüger trocken, „da werden wir ihn denn wohl auf den allerrichtigsten Weg bringen müssen. Aber das Schlimmste ist, daß wir bei unserer Rückkehr den JeremiaS hier trafen". Mit einem Fluch fuhr Georg empor. „Der Hund"! rief er, „der infame Schleicher! Ich schlage ihn todt, wo ich ihn treffe! Und wo war die Else, die —" — „In der Küche mit der Magd", unterbrach ihn der Alte, „und ich habe sie wieder vor dem Gewürm gewarnt". Und sofort erzählte er daS Weitere. „Dann dürfen wir auch einer Nachsuchung entgegensetzen", meinte der Sohn, „und ich gebe für unser ganzes Geheimniß keinen Pfennig mehr. Der Jeremias ist ein regulärer Bluthund, wo er auf eine Spur stößt, und er oder wir müssen dran".
Dann gingen sie zu den Gästen zurück, die sich heut Abend viel zahlreicher als sonst eingesunden hatten. Von der Begegnung des Assistenten und der Schmuggler war auch ihnen dieß und daS zu Ohren gekommen; es wurde darüber viel gesprochen und gelacht. Einige unter ihnen mochten auch genauer wissen, waS dieser Transport zu bedeuten hatte; die meisten jedoch hielten ihn für einen
gewöhnlichen, gut ausgeführten Schmugglerstreich und wußten nicht, wo Leute und Waaren geblieben. Das war eine Folge der günstigen isolirteu Lage des Krugs und zu gleicher Zeit auch der Ernte, welche die Leute nicht müssig umherlungern ließ.
Der folgende Tag war ein Sonntag, allein an's Kirchgchcn dachte auf dem Krügerhofe Niemand; denn in der Erntezeit gibt es immer so viel zu thun, daß die Leute den weiten Weg in'S Kirchdorf gewöhnlich zweimal bedenken und ihn dann lieber unterlassen. Der Morgen also gehörte der Arbeit und Nachmittags ging alles bis zum Abend seinem Vergnügen oder der Ruhe nach. Frühauf fand sich ein und hatte mit dem Krüger und Georg allerlei zu bereden; später kam auch der Förster und eS stellten sich einige Leute aus dem Dorf ein, allein sie zogen sich zeitig zurück, da der nächste Tag wieder voll harter Arbeit war. Für den späten Abend hatte Georg sich einige Männer bestellt, um die gestern angclangtèn Waaren in die Heide zu bringen.
Nach dem Abendessen waren in der Küche wieder dieselben Personen vereinigt wie bei jener heftigen Szene im Anfang dieser Erzählung, und ziemlich auch eben so beschäftigt. Georg war, von Ungeduld gepeinigt, schon während deS ganzen TageS in heftiger, wilder Stimmung gewesen; er setzte sein Schelten aus den JeremiaS fort und auch Else bekam ihren gewöhnlichen Theil. Als aber die Magd die Küche verlassen hatte und er noch immer warten mußte, trieb ihn die Ungeduld und der sich an sich selbst steigernde Aerger zu immer heftigeren und roheren AuSbrüchen, und eine Fluth von Schmähungen und sinnlosen Drohungen, von gerechten und ungerechten Beschuldigungen, von thörichten Eifersüchteleien strömten auf daS Weib herab, das ihm wie gewöhnlich meistens mit Schweigen und nur selten mit einigen kalten und herben Worten begegnete. Das schier wahnsinnige Be-
