Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851.
JVi 13
Au der Gränze
(Fortsetzung)
Else stand und sah ihm nach, ihr Kopf fiel auf die Brust, ihre Hände falteten sich unwillkürlich. „Ja", mur, mclte sie, „mein Leben ist nicht mein allein. ES ist ja auch meines Gottes und —" Sie vollendete nicht, sie hob die Hände und preßte sie gegen ihre Schläfe. „O", murmelte sie wieder, „eS thut nicht gut, nicht gut! Ich darf ihn so nicht wiedersehen"! Dann richtete sie sich auf, strich daS dunkle Haar tiefer unter den Strich der Mütze zurück und ging in'S HauS und zur Ruhe. In der Kammer nebenan hörte sie die Männer noch sprechen. Eie wachte noch, als Georg den Alten verließ und gleichfalls sein Lager suchte.
AlS Freidorf zeitig am andern Morgen erwachte und in die Küche trat, fand er alle Bewohner schon bei der täglichen Arbeit. Georg war mit den Leuten zum Mähen, der Alte selbst hatte sich auf die Füße gemacht, um nach einer Wiese zu sehen, die er im Forst von der Krone gepachtet hatte, Frau und Magd hatten im Hause mit den Zurüstungen zum Mittagessen zu thun. Elfe besorgte jetzt das Frühstück deS jungen Mannes freundlich und rasch, ohne vieles Reden, und ging dann wieder an die Arbeit des Kartoffelschälens. Er saß in der WirthSstube, aber die Thür nach der Küche stand auf und in dem durch ein hinteres Fenster erhellten Raum war die Ge» stalt und daS Gesicht der am Herd Sitzenden ihm ganz sichtbar. Mehr als einmal sah er aufmerksam und nachdenklich zu ihr hinüber; denn was er selbst bemerkt, was Frühauf ihm von ihr erzählt hatte, vereinigte sich nun mit dem, waS er vor sich sah, zu einem ihn lebhaft in- teressirenden Ganzen. AlS er aufstehend und hinausgehend ein Gespräch über dies und daS mit ihr anknüpfte, fühlte er sich noch mehr ungezogen. Ihre raschen und
sicheren Bewegungen enthüllten eine einfache Anmuth, der stille Ernst des schönen mächtigen AugeS sprach von rei# cher Erfahrung und vielem tiefen Nachdenken, wenn di-ß auch nicht aus manchen überraschend klaren und scharfen Aeußerungen, aus mancher wahrhaft geistvollen Wendung hervorgeleuchtet hätte. Und über alle dem lag eine ruhige sanfte Freundlichkeit, die dem jungen Mann wohlthuend inS Herz drang. Denn wie sehr auch Schweigsamkeit, Starrheit und Kälte sie verändert haben mochten, daS ursprünglich Schöne und Anmuthige dieser reichen Natur war unverwüstlich und drang überall durch. Frei- dorf wußte und sah eS, daß sie sich nicht glücklich fühlte, und mit wirklichem Schmerz reichte er ihr zum Abschied die Hand. Denn selten empfindet ein junges und edles Herz die Schwäche und Unzulänglichkeit seiner menschlichen Natur, seiner Kräfte und Mittel so tief und so klar, als wenn es eines Andern Unglück erkannt und thcilneh- mend beklagt hat, wenn eö mit voller Liebe und bestem Willen helfen möchte und doch nirgends weder die Mittel findet noch die Möglichkeit sieht, diese Hülfe zu bethätigen.
„Leben Sie wohl, meine liebe Frau", sagte er. „Ob ich schon in der Nähe bleibe, möchte ich Sie doch lange nicht wieder sehen, und ich wünsche Ihnen daher für Ihr weiteres Leben alles mögliche Gute". Sie stand vor ihm am Tisch, auf dem er r ie Zeche berichtigt, ungezwungen und ruhig. Auf seine herzlichen Worte schloß sie langsam und mit einem weichen Lächeln eine Sekunde lang ihre Augen, sie hob den Kopf ein wenig hintenüber und schüttelte ihn leicht, als ob sie die aus der Haube her- vortretenden Haare zurückdrängen wollte, eine Bewegung, so schnell, so ungesucht, und doch voll einer milden Trauer und der einfachsten, unnachahmlichsten Anmuth. „Wie Gott will"! sprach sie dann. „Lebt wohl und gesund, Herr Assistent".
