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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. — Jf 1S

An der Gränze.

(Fortsetzung)

DaS ging nun alles durch den Kopf des einsamen Weibes. Sie sah die Höhe über sich — die war tief und dunkel wie ihr Leben, und die Lichtpunkte darin, so glän­zend und so fern, waren wie die schönen Erinnerungen ihrer heitern Jugend. Aber wie die Sterne dort oben, erblichen und ermatteten auch sie vor dem Raum und dem Düster der unermeßlichen Tiefe. Und ihre Gedanken waren schwer und trüb; sie kamen in dichten drängenden Schaaren; sie bebten zurück vor der Zukunft, sie flohen die Gegenwart, sie zogen angstvoll immer weiter in die Vergangenheit, wo noch Licht und Wärme war, Glück und Schuldlosigkeit; sie zogen, wie die Schwäne gen Süden ziehen, wenn der Winter droht. Sie hätte die Vergangenheit gern verschlossen gelassen, denn sie sand dort am Ende auch nicht mehr als ein Grab — das ihrer Jugend und ihrer Hoffnungen. Und daran knüpfte sich so viel, und daraus stieg so viel hervor, vor dem sie zurückbebte. Sie war ja ein Eheweib. So floh sie auch die Vergangenheit; sie kehrte zurück in die Gegenwart, und da fand sie nur ihr zerdrücktes, auSsichts- und hoff­nungsloses Leben und in ihrer Brust regte sich ein neues Gefühl: das war der Haß.

Da schlüpfte es neben ihr durch den Wald, ein paar trockene Zweige knackten, die kalte Nase eines Hundes stieß an ihre zurücksahrende Hand und die Aufschreckende hörte neben sich die leisen Worte: „Bist bu'S, Else"? — „Ja, ja, Fritz, ich bin's", versetzte sie gefaßt. „Du noch so spät im Wald"? Der Förster trat aus dem Schatten der Stämme hervor und lehnte sich müde auf den Zaun. »Mich lassen die Wilddiebe nicht ruhen, die es toller als je treiben", sagte er. „Ich meinte erst Schüsse zu hören «nd war darnach aus. Nun kam ich hier herum und

sah deine Figur. Trauerst du denn noch immer über daS Kind? Du mußt bedenken, daß das arme Würm, chen jetzt viel besser dran ist; beim lieben Gott gibt eS kein Kranksein". — „Nein, Fritz", erwiderte sie und hob sich langsam auS ihrer ruhigen Stellung, „trauern thu ich nicht jetzo und ich hab' eS mit waS anderem zu thun. Und über daS Kind trauern? O ich danke ja Gott, ich danke ja Gott, daß er's zu sich nahm, bevor eS so weit mit mir gekommen! Denn eS war sein Kind, sein Kind, und ich hatte eS dennoch lieb, und jetzt würd' ich es verfluchen müssen, wie alles waS von ihm kommt' was sein ist" !

Sie sprach leise, aber eisenhart und mit solcher Lei, denschaft, daß eS den lauschenden Mann mit tiefem Schrecken erfüllte. So hatte er sie nie gesehen, nie ge- ahnt, wie sie da vor ihm saß, die Arme erhoben und die Hände krampfhaft zitternd, die Augen starr und wild blitzend gen Himmel gerichtet. Er wußte nicht, war eS der Schimmer eines Sterns, der sich darin spiegelte, oder war's das Blitzen des Hasseö, das drohend da­raus hervorsprang. Aber cs war auch nur ein Mo­ment. Gleich darauf war sie zurückgesunken an den Stamm, die Arme gekreuzt, den Kopf gesenkt und die langen dunkeln Wimpern schattig über die Augen gedeckt.

Der Förster schwieg eine geraume Zeit. „Jst's so"? fragte er endlich und seine Stimme zitterte vor Erregung und Entrüstung. „Quälen sie dich immerfort trotz all deiner lieben Güte? peinigen sie dich bis ins Leben, daß ich nun solche Worte hören muß? Haben kann ich dich nicht, aber ich kann dich beschützen, denn wenn der Georg dich verläßt, ist kein Mann auf der Welt dir so nah wie ich; denn ich habe dich lieb, daS weißt du. Was ver­traust du mir nicht? Sprich ein Wort — soll ich mit ihm ernstlich reden ? Ich scheue die Kreatur nicht, so wild und borstig sie auch thut. Oder ich schieße ihn nieder wie