Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^ 9.
An der Gränze
(Fortsetzung)
„Sa, hör' doch, Du bist ja ein Unschuldsengel!" erwiederte Georg höhnisch. „Also damals an der Garten- ecke sprachst Du ihn zuerst und neulich hier unter dem Baum war euer zweites und letztes Gespräch. Jst's nicht so"? — „Wenn man mich fragt, muß ich antworten, hat man mich gelehrt," versetzte sie kalt. „So? ei!" fuhr er immer heftiger fort, „und ich lehre dich, daß du gar nicht mit ihm redest. So ist's und das will ich! Und willst du reden, so kannst du'S mit dem Vater thun oder mit mir, und das sollst du und sollst nicht dasitzen, wie dein Spinnrad — ja das schnurrt doch noch , aber du thust den Mund nicht auf". — „DaS Reden läßt sich doch nicht kommandiren," sprach sie. „Ei doch, mein Schatz," entgegnete er giftig; „siehst du, ich kommandir' eö und ich will'S!"
Und nun ergoß sich ein Strom von Tadel und Anklagen, von Schmähungen urd rohem Schelten über das stille, unglückliche Weib. Sie solle und müsse anders werden; sie solle zur Arbeit und in'S Feld, sie sei „krank wie'n Huhn, daS mag essen und nichts thun". Sie solle sich um den Mann bekümmern; sie müsse auf's Hauswesen sehen lernen. DaS Brod sei schlecht, wie die Sünde, und daS Getränk sauer. „Und dann sitzt sie da", schloß er, „stets und starr. DaS will ich nicht! Du sollst reden, du sollst um Vergebung bitten, du sollst geloben, dich zu bessern!" Ohne mit ihrer Beschäftigung innezu- halten, hob sie nur flüchtig den Kopf. „Das Spinnen da pressirt mehr, als daS Sprechen," meinte sie ruhig, und ein leises kaltes Lächeln lief über ihr krankhaft scharfes und doch noch schönes Gesicht. Du brauchst mehr Strümpfe bei deinem gottlosen Laufen, als Mode ist, und die Frau soll sie einmal schaffen".
„Weib"! drohte er. AuS der gerötheten Stirn traten die Adern scharf hervor, die Arme sanken vom Rücken und die Hände ballten sich krampfhaft. Der Krüger hatte bisher lheilnahmloS inS Feuer gestarrt. Bei den Worten der Frau aber hob er mit einem plötzlichen Ruck den alten grauen Kopf und sah bald auf den Sohn, balv auf daS Weib, daS schon wieder so still bei der Arbeit war, wie je. „Else"! sagte er drohend und streckte die Hand wie ab, wehrend gegen Georg auS, „daS ist die Art nicht, deinen Mann wieder gut zu machen, wenn du ihm vorwirsst, was wir Alle treiben und für Recht halten, was uns so viel einbringt. Du bist keine Heilige, wenn du auch keine Mannsläuferin bist. Du taugst wenig zu einer Bauerfrau und bist eS doch. Drum lerne und gib dir Müh, sei freundlich und gehorsam; denn so wird man waS, aber nicht wenn man tückisch ist und die Hände in den Schooß legt. Verbitt' dich!"*)
Der Alte schwieg, und nachdem er den messingenen breiten Kamm, der sein zurückgeschlagenes langes graues Haar am Hinterkopf festhielt, wieder zurechtgeschoben, richtete er seine Augen wieder gleichgültig auf daS Feuer. „Za", fuhr Georg fort, dessen Wuth sich bereits zu seinem gewöhnlichen Hohn umgewandelt hatte, „Dabei wird man nichts, aber man kann dem Unsinn nachhängen, den man im Kopf hat, man kann so hübsch an den Herumtreiber, die Milchsuppe, den blaffen Fritz denken und so jammervoll über ihn lamentiren".
Else ließ die Hände in den Schooß sinken und ihr Fuß ruhte. „Mann", sagte sie und man hörte ihrer sonst so sichern und reinen Altstimme ein leises Zillern an, „Mann, ich bitte dich, daS lasse nun einmal ruhen, wie du eS mir versprochen hast. Du weißt, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, und du kannst mir
*) Sich bei einem verbitten, so viel wie ihn um Verzeihung bitten.
