Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^ 1.
Zum neuen Jahr.
Wie heimlicher Weise Ein Engelein leise Mit rosigen Füßen Die Erde betritt: So nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, Ein heilig Willkommen, Ein heilig Willkommen! Herz, jauchze du mit!
In ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezelten Des Himmels bewegt, Du Vater, du rathe! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei Alles gelegt!
Eduard Mörike.
An der Gränze.
Eine Erzählung aus dem „Morgenblatt".
Bei der Stadt —t, dem letzten bedeutenden und ummauerten Ort gegen das Nachbarland zu, zweigte sich rechts von der breiten Kunststraße ein wenig befahrener und, wie gewöhnlich dort zu Lande, schlecht unterhaltener Landweg ab, der sich etwa eine Stunde weit durch gut bebautes Land und ansehnliche Dörfer wand, dann die müßigen Hügel hinanstieg, welche von Südost gegen Nordwest sich ins Land ziehen, und darauf sich plötzlich und
ziemlich steil wieder in eine Ebene hinabstürzte. Hier waren weder Dörfer noch zeigte sich irgend eine Kultur deS Bodens; Moor, Torf und Sand lagen weit hinaus flach und eben, und spotteten noch für viele Jahre jeglichem Anbau. Denn die See schien dieß frühere Stück ihres Gebiets noch immer nur ungern aufgeben zu wollen, und im Herbst wie im Frühjahr trieben ihre Fluthen oft noch stundenweit über die Flüche und häuften neuen Sand und KieS auf die öden Fluren. Dort wand sich nun der Weg hindurch in hundertfachem Geleise, da jeder Reisende sich einen andern bessern Pfad suchen wollte; allein überall war der öde Flugsand oder die eben so schlimme, in Staub aufgelöste dürre Torferde, und wehe dem, der an einem heißen Sommertage drüber hin mußte.
DaS erfuhr der junge Mann, der an einem Tage des Juli diesem Wege folgte. Wieder und wieder verwünschte er seine Neugier und Hartnäckigkeit, die ihn diesen Pfad wählen und die wohlgemeinten Warnungen seines Wirths in —t überhören ließen; immer von neuem suchte er sich mit der Hoffnung auf daS nothwendig bald eintretende Ende seiner Pein zu trösten; er war ja schon seit mehreren Stunden unterwegs und die Heide sollte nach der Karte nur drei Meilen in der Breite messen. Aber eS war nirgends ein Ende zu sehen; sein Pferd, daS an diesen Sand nicht gewöhnt war, erlahmte schier im schlimmen Boden, der unter seinen Hufen brennend quoll und sie fort und fort zurückgleiten ließ, ihn selbst überschüttete der Staub erstickend, bald weiß, bald braun. Hin und wieder zeigten sich einzelne halbverdorrte Wach- holderbüsche, einige Ginster- und Binsenbüschel an einer moorigeu Stelle, ein einsames kümmerlich vegitirendeS Heidekraut ; sonst fand er weder Baum noch Strauch, der ihm Schatten spenden konnte, kein Grün, auf dem daS brennende Auge auSruhen durfte, nirgends eine Spur von Wasser zur Labung für sein keuchendes Thier, keinen
