— 14 —
lange, um die Lauterkeit seiner Gesinnung mehr zu erhärten.
— Immer neue Truppen rückten derweilen in die Stadt. Die Dunkelheit der Nacht ließ es zu, daß sie sich nun auch am Rheine, auf dem freien Raume zwischen den Häusern und dem Ufer auSbreiten durften. Alles war todtstille; nur in der Entfernung hörte man ein dumpfes Hummern. DaS waren die Kanonen und Wagen, welche jetzt in's Rheinthal herabzogen.
Mit dem Glockenschlage der Mitternacht stießen die Schiffer ihre Kähne in die Fluth des Rheines und Lützows Jäger, welche Theodor Körner die wilde, verwegene Jagd nennt, sprangen hinein und wie der Pfeil von der Sehne fliegt, wenn die starke Hand ihn geschnellt, so flogen die Kähne an's Ufer drüben. Und dennoch sprangen die tapfern Jünglinge, weil sie's nicht erwarten konnten, bis die Kähne landete», bis unter die Arme in den Rhein und wadeten die Büchse hoch haltend, dem Ufer zu.
SB arro qu ier, der für einen Spion gehaltene Schneider, war im ersten Kahne. Er war ein gewandter Mensch, der auch gar nicht die schmächtige Gestalt hatte, welche zu seinem Handwerke paßt, und der, als wohlgeübter Schmuggler vor einem solchen Unternehmen nicht erbebte. Er kannte alle Pfade des Gebirges. Grade gen Caub über führte er sie an den Schieferbrüchen vorüber, durch die Thalschlucht, welche einer Quelle dürftiger Abfluß durchrieselt, nach Henschhausen. Von hier schlug er den Weg über die Bogtwiese in das Steeger Thal ein, um die Franzosen abzuschneiden, welche man noch in Bacharach vermuthete. Doch darin täuschte man sich. Bereits um eilf Uhr Abends war ein Sergeant gekommen, hatte an die Fenster der Soldatenquartiere leise geklopft und so das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Keine Trommel wurde laut. Die Soldaten folgten schnell und leise. Sie zogen sich, so hurtig sie konnten, über die in einem scharfen Winkel bei dem SÖ'e^Tr^sTautse^ im Steeger Thale nach der Ruine Stahleck südöstlich unibiegende, sehr verdorbene Landstraße nach Rheinböllen, einem Dorfe am Saume des Soonwaldes, auf dem Wege nach Simmern zurück. Unterdessen hatten die wackern und unermüdlichen Schiffer ohne Rast Streiter übergesetzt, welche der von Napoleon erbauten Straße folgend, Bacharach fast gleichzeitig mit der über Henschhausen durch das Steeger Thal detaschirten Vor- huth erreichten. Die Franzosen hatten eine Stunde voraus. AlS sie sie nicht mehr fanden, eilte sogleich die bereits übergesetzte Reiterei auf der schon erwähnten Heerstraße nach Simmern ihnen nach. Eine kleine Reiterablheilung traf sie bei Rheinböllen. Hier enstand ein Geplänkel; allein der muth- volle Angriff der preußischen Reiter mußte wirkunglos bleibe», da die Franzosen einen ansehnlichen Hochwalv jenseits Rheinböllen zum Stützpunkte hatten, in den sie sich eiligst warfen.
Die Infanterie Blücher's kam begreiflicher Weise erst später an, und so gelang es den Franzosen nach Simmern zu entkommen, wo ihre Genossen an ein so rasches Erscheinen ihrer Feinde nicht zu glauben schienen; allein wunderbar schnell standen diese vor dem verrammelten Stadthore, und grüßten es mit Kanonenschlägen, die den Schlüssel augenblicklich brachten.
Die Deutschen drangen ein; aber obwohl es zum Wechseln von Schüssen in den Straßen kam, so gelang es doch den Franzosen unter dem Schutze der Nacht ihren rastlosen Verfolgern ohne Verlust zu entkommen.
Der Uebergang bei Caub war unstreitig ein kühnes Unternehmen.
Es ist bereits bemerkt worden, und man braucht nicht Militär zu sein, um eS zu begreifen, daß eine geringe Anzahl tapferer Vertheidiger, unterstützt von einigen Kanonen auf dem
Ufervorsprung deS Kreuzsteins ausgestellt, den Uebergang lange hin hätte streitig machen können.
Der Uebergang auf Kähnen war schwierig und bei geringerem Eifer der Caub^r Schiffer, sehr langsam. Um so größer ist das Verdienst dieser Männer. Der Strom bricht sich grade in seiner Mitte an dem Felsen, auf welchem die Pfalz steht, und theilt sich in zwei Arme. Hinter der Pfalz und dem Felsen pflegt sich eine Sandbank, weit stromabwärts, anzulegen, welche die Ueberfahrt erschwert und kundige Schiffer heischt. Diese Sandbank muß umgeschifft werden. Alsdann greift die ganze Gewalt des Stromes den Kahn und wirft ihn an's linke Ufer und zwar sehr weit abwärts, wenn nicht die ganze Kraft der Schiffer die Gewalt des Stromes »richt. Schwere Ladung erschwert die Mühe — und die hatten sie, denn es drängte sich Alles so in die Kähne, daß sie meist nur einige Finger hoch Bord hatten. Dabei' war es Nacht und sehr dunkel. Besonders gefahrvoll war das Uebersetzen der Reiterei. Der Kunst der Schiffer gelang eS, ohne Unfall den Vortrab über zu setzen und diese Anstrengung dauerte bis in den andern Tag hinein. Denn, erst als der Tag leuchtete, naheten die Pontons, deren Wesen bereits beschrieben ist, dem Ufer und mit ihnen diese R ussen in ihren schmutzigen Kaftan's, von Theer starr und steif, die langen Messer an der Seite, und begannen ihre Arbeit. Auch hier mußten wieder die Schiffer aushelfen, weil sie die Natur deS Flußbettes kannten. Die Pfalz war der Stützpunkt der Brücke. Und dennoch riß als sie vollendet war, und eben die Truppen sie betreten sollten, die Macht des Stromes sie entzwei. Wenn sie auch ziemlich schnell hergestellt wurde, so war doch eine Zögerung von einigen Stunden unvermeidlich — und wie verderblich hätte dieß der Vorhuth werden können? —
Nach Mittag begann der regelmäßige Uebergang, Regiment an Reginient, Artillerie und Munition ging über das linnene Gebäude, das unter seiner Last sich beugte und ächzte. Und immer neue Massen rückten mit dem Schalle kriegerischer Musik aus dem engen Thore des Städtchens.
Der Anblick war herrlich, wenn sich die leichte Brücke bog unter der Last der Kanonen, unter den Hufen der stolzen Rosse, unter dem kräftigen Tritte der Regimenter. Und sah man hinab in die Schnäbel der Brückenschiffe, so kauerten da die Gestalten der Russen, deren Anblick für unser Auge etwas Abschrek- kendes hatte. Sahen sie doch aus wie Wilde! Wir lernten uns indessen an diesen Anblick gewöhnen und machten bald genauere Bekanntschaft mit diesen Unholden, die, gab man ihnen nur ihr Köstlichstes: Schnapps — ganz gutmüthige Naturen waren, die indeß die fatale Eigenschaft ungewöhnlich langer Finger hatten. Das heischte einige Vorsicht. Blücher ging am 1. Januar noch mit seinem Staab« über, weilte aber nur kurze Zeit in Bacharach, wo er in dem weißen Rosse sein Quartier nahm, und setzte sich dann mit der Hauptmasse seines Heeres in Bewegung derselben Straße folgend, welche die Vorhuth eingeschlagcn.
Das sei noch zugefügt, daß überall unser Volk die Befreier begrüßte mit einem Enthusiasmus, einem Jubel, der keine Grenze kannte. Ich sah Greise weinen, als sie de» Preußen die Hand drückten; ich hörte tausendfach den Ausruf: Gottlob, nun sind wir wieder deutsch!
Die Brücke bei Caub stand noch bis auch die letzten Packwagen, die letzten Feldlazarethe übergegangen waren. Die Anwohner deS Stromes benutzten sie weidlich und den Russen in de» Schiffen floß der Branntwein zu.
Die brüderliche Herzlichkeit unsrer Befreier heilte uns bald von der Furcht, welche die Franzosen und eingeflößt, und schnell verlor das Volk den Schrecken vor den Kosack« n. War ich doch Zeuge, wie ein kräftiger Bauer einen solchen,
