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Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Hausfreund.

2». S. Wiesbaden, den 10. Oktober 1850.

Inhalt:

Johannes Stör, eine Dorfgeschichte. (Fortsetzung und Schluß.)

Die schönsten deutschen Sprichwörter.

Naturgeschichtlicheö: Der Steinadler.

Gemeinnütziges: DasNbmetzen der Müller. Die Stoppelstreu. Allerlei Mittel für Haue- und Landwirthschaft.

Vermischtes: Regeln für Dienende.

Mannichfaltiges.

Anzeigen.

Johannes Klör.

(Fortsetzung und Schluß.)

Je tiefer er die Segnungen fühlte, die in treuer Pflege der Natur liegen, desto eifriger mußte der religiöse, liebevolle Mann wünschen, daß sie auch Andere erkennen und aufsuchen mögten, und desto rastloser mußte er auch seine Anstrengungen verfolgen.

Die Erfüllung seiner liebsten Wünsche war auf seine letzten Lebensjahre aufgespart.

Der günstige Erfolg seiner vieljâhrigen Bemühungen wurde immer sichtbarer und erwarb ihm immer mehr Freunde unter denen, die sonst wider ihn gewesen waren. Klör's Namen wurde auch in der Hauptstadt des Landes mit Achtung genannt. Er wurde von angesehenen und würdigen Männern aufgesucht und freundlich in ihren Häusern empfangen. Die Kunde von seinen gründlichen Kenntnissen in der Baumgärtnerei und Bie­nenpflege, sowie sein unermüdeter Eifer, diese Kenntnisse zu ver­breiten , wurde immer allgemeiner und so kam ihm endlich der erwünschte Auftrag von der Landesregierung zu:die seit eini­gen Jahren angelegten und den Landschullehrern zur Besorgung anvertrauten Jndustriegärten in den Dörfern zu besuchen, über deren Zustand zu berichten und wo es nöthig scheinen möge, gründlichen Unterricht in den bezeichneten Gegenständen zu er­theilen.

Mit Freude und voll Hoffnung ging Klör an dieses neue Geschäft. Er rief seine vieljährigen Erfahrungen und die Be­obachtungen in das Gedächtniß zurück, die er zum Theil schon auf seinen frühesten Wanderungen als Webergeselle und Spiel­mann gemacht hatte und fand sich reichlich belohnt, daß er sie nun auf so wohlthätige Weise zum Besten seiner Landsleute verwenden sollte.

In vielen Dörfern, die er besuchte, fand er die sogenannten Jndustriegärten sehr zweckmäßig angelegt und im besten Stande erhalten. Die Lehrer, die sie besorgten und der Sache kundig waren, trieben ihr Geschäft mit Freude und rühmten die Be­reitwilligkeit, mit der sie von Eltern und Kindern in ihrem Un- ternehmen unterstützt wurden. Diese würdigen Männer nahmen auch Klören freundlich auf und timten froh, seine vielseitigen Erfahrungen benützen zu können. Sie wußten viel, daher scheu­ten sie sich nicht, noch mehr zu lernen.

In vielen Dörfern hatte man die landesherrliche Verordnung überflüssig und lästig gefunden und gar keine Jndustriegärten angelegt. Namentlich war dieses der Fall in Gegenden, wo man bisher den Obstbau und die Bienenzucht aus Gemächlich­keit ganz vernachlässigt hatte und also ihre Wohlthaten nicht kannte. In solchen Dörfern legte Klör gleich Hand an's Werk; berath­schlagte mit dem Ortsvorstand, dem Schullehrer und den ver­ständigsten Einwohnern, setzte ihnen das Zweckmäßige einer solchen Anlage klar auseinander, half auf der Stelle, einen schicklichen Platz auswählen und gab Anleitung, wie Alles ein­zurichten sei. Damit machte er allerdings Mehrere mißvergnügt,

wenn er aber nach Jahren wieder kam, wurde ihm von Allen aufrichtig Dank gesagt:

In mehreren Dörfern hatte man aus Folgsamkeit gegen die landesherrlichen Gesttze, aber nicht aus Anerkennung des guten Zweckes, jndustriegärten angelegt, aber Niemand kümmerte sich weiter um sie; die Frau Schnllehrerin zog Salat und Bohnen darin und Die Kinder erfuhren gar nicht, daß dieser Plan zu ihrer Belehrung und Uebung bestimmt sei. In solchen Dörfern hatte der gute Klör Den schlimmsten Stand. Einige der Her­ren Schullehrer fanden sich beleidigt, daß sie in so untergeord­neten Kenntnissen Belehrung von einem schlichten Bauern und Webermeister annehmen sollten; Andere suchten die Sacke als unbedeutend, lächerlich und unausführbar darzustellen; noch An- dere, in niedriger Aengstlichkeit, versuchten den biedern Klör mit freundlichen Worten, reichlichen Mahlzeiten und Geschenken zu vermögen, daß er den Übeln Zustand Der Gärten übersehen und einen günstigen Bericht bei der Schulkommission einreichen solle. Der aber, in unermüdlicher Geduld, gab allenthalben die besten Anweisungen, drang. denen seinen Unterricht auf, Die ihn nicht gutwillig aufnehmen wollten, rügte unverbolen, was ihm nicht gefiel und berichtete stets, was er für wahr erkannte.

Der Bericht über den Besuch der Jndustriegärten in den Dörfern von iS Amtsbezirken, welchen Klör der Oberschulkom- mission vorlegte, lautete dahin : daß es größtentheils au Erkennt­niß, selten an gutem Willen fehle und daß Die Berichte, welche von vielen tausend Kernen, Die jährlich gestreut, von vielen hundert veredelten Stämmen, Die an Die Straßen gepflanzt wur­den, redeten, im allgemeinen wahr seien; daß aber das Säen, Versetzen und Berichten nicht helfe, so lange man nicht für jede Gegend die passenden Obstsorten sorgsam auswähle und darauf bedacht sei, Die veredelten Bäume gut zu verpflanzen, gegen Wild und Vieh zu schützen und fortwährend in guter Pflege zu erhalten. Auch brachten Die allzugünstigen Berichte nachläßige Gemeinden leicht auf den Gedanken, daß mit dem Versetz.n der Bäume schon Alles geschehen, der Wille des Ge­setzes erfüllt und nichts weiter zu thun übrig sei.

Jetzt ruht Klör. Er ist nah' am Rande seines Grabes und sieht von da mit heiterem Ernst und frommen Dank auf ein langes Leben zurück, das ihm viele Mühe gebracht, viele Opfer gekostet, aber auch, in mannigfaltiger und segensreicher Thätigkeit geübt, ihm ein zufriedenes Herz erhalten hat.

Besseres läßt sich nicht erwerben.

Die schönsten deutschen Sprichwörter.

Alles was wahr ist, haben die Völker von jeher in kurze Kernsprüche geformt, worin es faßlich für das Gedächtniß ist, klar zum Geiste spricht und herzhaft zum Herzen dringt. Das deutsche Gemüth , das empfänglichste für Die Wahrheit, ist am reichsten an solchen Sprichwörtern. Aus diesem Reichthum thei­len wir Die schönsten mit.

41.

1) Wer A sagt, muß auch B sagen.

2) Wer einen Aal hält bei dem Schwanz, Dem bleibt er weder halb noch ganz.

3) Wo Aas ist, da sammeln sich Die Adler,

4) Abbitte ist die beste Genugthuung.

5) Nichtmehrthun ist Die beste Abbitte.

6) Wer weiß, was der Abend bringt?

7) Besser ohn' Abendbrod zu Bette gehn, als mit Schulden aufstehn.