urtheile, wie eS zu jener Zeit noch gegen die „unehlich H Geborenen" herrschte, schlug Lisbeth die Augen nieder, ■ drückte die Hand aufS Herz, als wolle sie dessen aus- brechende Stimme zurückpresten, und seufzte tief auf.
„Und wenn ich wirklich einer wäre, ein Bastard?" wiederholte Gottwald seine peinliche Frage.
„Ja, das wâr' freilich schlimm!" hauchte das Mädchen, ohne aufzusehen.
„Ich weiß genug!" schrie der junge Kriegsmann. „Und ich will meine Stiefel, meine Montur, meinen Sarraß, meinen Helm! Ich will auf'S Schloß und aus
1 dem Schloß in'S Lazareth. —"
„Was?" zürnte das Mädchen heftig, „Ihr wollt -sicht einmal wieder in unser HauS kommen? Ist Euch hier nicht alles Liebe und Gute erwiesen worden? Hab' ich nicht selber die Umschläge auf Euren Trotzkopf ge« iegt, die der Feldscherer verordnet hatte? Nicht selber Euch die Arznei eingegeben? Das hitzige Fieber, das der Feldscherer anfänglich bei Euch befürchtete, es kommt vielleicht jetzt nach. Und in d e m Zustande sollt' ich Euch über die Schwelle lassen, auf die Straße, auf's Schloß? Hier geblieben wird, rasch wieder in den Großvaterstuhl gesetzt —"
„Das wollen wir doch sehen!" unterbrach sie Gottwald und wollte fort.
„DaS wollen wir gleich sehen!" wiederholte Lisbeth, und mit beiden Händen auf den linken Arm des Wider- ! spenstigen zufahrend, packte sie denselben und zog ihn daran aus Leibeskräften nieder in den Großvaterstuhl. Darauf stellte sie sich gerade vor den Sitzenden hin und eiferte mit erhobener Hand drohend, wie eine Mutter, die ihr ungezogenes Kind schilt: „So, jetzt rührt Euch! Ist mir solch' ein unfolgsamer Patient schon vorgekommen! : Ihr bleibt hier im Großvaterstuhle sitzen ; ich steh' Schild- I wache vor Euch, und dafern Ihr nicht Ordre parirt, geb' ' ich (und dabei holte sie mit der Hand auS) geb' ich Feuer, daß Euch die Funken aus den Augen sprühen! Wer nicht hören will, muß fühlen, und Ihr sollt fühlen, aß ich mich nun und nimmermehr scheuen werde, Euch mit der Hand anzurühren, wäret Ihr auch zehnmal ein Findling, ein Bastard — meinetwegen der Henker selber!"
„LiSbeth — Lisbeth !" rief Gottwald, entzückt wie ein Verdammter, dem plötzlich der Himmel aufgethan wird.
Und der Bedrohte fiel ihr in den aufgehobenen Arm, erfaßte diesen, gleichwie sie vorhin seinen Arm gepackt, und zog sie zu sich nieder, gleichwie sie ihn vorhin nieder in den Großvaterstuhl gezogen hatte. „Gottwald!" klang eS auS ihrem Munde — „Lisbeth !" aus dem seinigen, und eine Sekunde später fanden sich ihre Lippen, wie sich
ihre Seelen gefunden hatten. Es war der erste Kuß und zugleich das gegenseitige Bekenntniß ihrer Liebe.
In demselben Augenblick schrie draußen eine Stimme: „Lisbeth! — Lisbeth!" ,
„Mein Vater!" rief das Mädchen, entsprang der Umarmung des Geliebten und nach der Thür.
„Sie liebt mich!" jauchzte Gottwald auf, „und ich bin der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden, wenn nicht der Vater —*
Eben trat dieser in die Stube und hinter ihm Lisbeth, selbige aber so schüchtern, als sei sie wildfremd,hier und überschreite zum ersten Mal in ihrem Leben diese Schwelle.
Meister Hamrath schritt stracks an den Großvaterstuhl, reichte dem darin Sitzenden die Hand und sagte fröhlich: „Freund Gottwald! Ich soll Euch einen Gruß bestellen. Rathet einmal, von wem?"
„Von Eurer Tochter?" ffragte Gottwald, der noch keinen anderen Gedanken hatte, als Lisbeth.
„Warum nicht gar?" lachte der Leibschneider. „Da steht ja daS Mädchen und könnt's selber ausrichten, wenn sie etwas an Euch zu bestellen hätte. Von dem Kurfürsten kommt der Gruß — ja, ja, von dem Kurfürsten; macht nur große Augen. Aber Lisbeth, was ist Dir denn, Du freust Dich ja gar nicht."
„Ich wüßte nicht, worüber."
„Worüber? Darüber, daß Du Deinen Vater, der wie ein armer Sünder aufs Schloß gegangen ist, als Begnadigten wieder heimkehren siehst. Weist Du, wer mein Schutzengel bei Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht war? Derselbe, der mich in der Unglücksnacht aus den Ketten und Banden der Wache erlöst hat durch seine Fürsprache bei dem Statthalter."
„Herr Peuker", sagte das Mädchen.
„Ja, Herr Peuker, der just die Schloßtreppe herabkam, als ich da hinauf stieg, was mir in meiner Her- zensangft so sauer wurde, als hätè' ich eine Zentnerlast die Stufen hinan zu schleppen." „Gut, daß ich Euch treffe, Meister Hamrath", redete der Stadtrichter mich an! „Ich hatte soeben Audienz bei dem Kurfürsten, der so gnädig war, das Gedicht anzuhören, worin ich seinen Sieg bei Fehrbellin besungen habe. WaS ihm besonders wohlgefiel, war meine Schilderung von dem Moment der Schlacht, wo er allerhöchstselbst sich an die Spitze deS Regiments Mörner gestellt hat, dessen braver Oberst von einer schwedischen Kugel durchbohrt worden, mit dem Rufe: „„Getrost, tapfere Brandenburger! Ich, Euer Fü^st und nun Euer Feldhauptmann, will siegen oder zugleich ritterlich mit Euch sterben!"" Alsdann wie ein Engel des Todes die Schweden niedermähend mit seinem Heldenschwerte und so tief in die Feinde hineinfprengend,
