Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — .4§ 305.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Besonders aber genirten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit dem grauen Ueberrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes saß, und den sie gleich für einen Geistlichen hielten. Ec hatte ein Brevier vor sich, in welchem er las, dazwischen aber oft in die schöne Gegend von dem Buche aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten Heiligenbilder prächtig im Morgen- schein blitzten. Dabei bemerkte er auch sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an ihren Federn; denn cs dauerte nicht lange, so redete er einen von den Studenten lateinisch an, worauf alle drei heran traten, die Hüte vor ihm abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten.
Ich aber hatte mich unterdeß ganz vorn auf die Spitze deS Schiffes gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunter baumeln und blickte, während das Schiff so fort flog und die Wellen unter mir rausch, ten und schäumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Thurm und ein Schloß nach dem andern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und wuchs,, und endlich hinter unS wieder verschwand. Wenn ich nur heute Flügel hätte! dachte ich, und zog endlich vor Ungeduld meine liebe Violine hervor und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich noch zu Hause und auf dem Schloß der schönen Frau gelernt hatte.
Auf einmal klopfte mir Jemand von hinten auf die Achsel. Es war der geistliche Herr, der unterdeß sein Buch weggelegt und mir schon ein Weilchen zugehört hatte. „Ey", sagte er lachend zu mir, „ey, ey, Herr ludi magister, Essen und Trinken vergißt Er." Er hieß mich darauf meine Geige einstecken, um eine Imbiß mit ihm einzunehmen, und führte mich zu einer kleinen lu
stigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken und Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war. Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten, und selbst daö junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Packete ringsherum setzen.
Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterschnitten auS, die sorgfältig in Papier gewickelt waren^ zog auch aus einem Futteral mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten Becher hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder, und reichte dann einem Jeden von uns. Die Studenten saßen ganz kerzengerade auf ihren Fässern, und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer Devotion. Auch das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher und blickte dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber je öfter sie uns ansah, je dreister wurde sie nach und nach. Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum ersten Male von Hause in Kondition komme und so eben auf das Schloß ihrer neuen Herrschaft reise. Ich wurde über und über roth, denn sie nannte dabei das Schloß der schönen gnädigen Frau.
Also das soll meine zukünftige Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie groß an, und mir schwindelte fast dabei. — „Auf dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit geben", sagte darauf der geistliche Herr. „Ja", erwiderte das Mädchen, die gern von der Geschichte mehr gewußt hätte; „man sagt, eS wäre schon eine alte, heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte eS aber niemals zugeben wollen." Der Geistliche antwortete nur mit „Hm, hm, während er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch vorgelegt, um die Unterredung recht genau anzuhören.
