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Des großen Kurfürsten Leibschneider.

Eine Erzählung nach geschichtlichen Thatsachen.

(Fortsetzung.)

Des Kurfürsten Schreiben an den Statthalter aber lautete wörtlich: „Ew. Liebben geben Wir zu vernehmen waS Maßen eS dem gnädigen Gott gefallen, Unsere ge­rechte Sache und Unsere Waffen wider die Schweden bald Anfangs dergergestalt zu segnen, daß Wir diesen Morgen um 3 Uhr die Stadt Rathenow mit stürmender Hand eingenommen haben. DeS Obersten Wangelin ganzes Re­giment Dragoner, so darin gelegen, bestehend in 6 Kom­pagnien, ist ruinirt und niedergemacht worden. —"

Ein plötzliches Stöhnen, das der Verwundere in Folge der eingesogenen Tropfen auSstieß, bewog den Stadtrichter inne zu halten. Doch der Feldscherer rief ihm zu:

„Nur weiter gelesen, Herr Peuker".

„Aber dieses Gestöhne, Herr Feldscherer" ?

„Hat nichts weiter zu bedeuten, als daß der Pa­tient aus seiner Betäubung wieder zu sich kommt. Es wäre viel gefährlicher, wenn er nicht stöhnte nach den LebenStropfen".

Da laS der Stadtrichter weiter: „Der Oberst selbst nebst seiner Frau, sein Obristlieutenant, Oberstwachtmeister unS zwei KapitânS sind gefangen. Die übrigen Offiziere und meisten Gemeinen sind geblieben und etliche gefangen, auch die sechs Fähnlein haben wir bekommen. Weil nun dieser glückliche Erfolg allein dem höchsten Gott, von dem aller Sieg und Segen kommt, billig zuzurechnen ist, so haben Sie die Verfügung zu treffen, daß Seiner Güte deSfalls gebührend von den Kanzeln gedankt und Er angerufen werde, Unsere gerechte Sache ferner zu segnen." — '„Also schreibt unser großer Kurfürst", sagte Herr Peuker, die vorgelesene Schrift wieder zusammen faltend. „Helvenmüthig im Unglücke, demüthig im Glücke, gibt er Gott die Ehre in allen seinen Thaten. Erinnert Ihr Euch noch der Worte deS Propheten, die der Kurfürst selbst gewählt zum Terte der Predigt an dem allgemeinen Fast-, Buß- und Bettag, den er am 6. anbefohlen hatte durch'S ganze Land?"

Keiner von den Bietbrüdern schien die Worte aus­wendig zu wissen. Da hörte der verwundete Kriegsmann plötzlich auf zu ächzen, als sei auf einmal aller Schmerz in ihm gestillt: seine Wimpern zuckten sichtbar; einen Athemzug später schlug er die Augen auf, bewegte die Lippen, und auS seinem Munde erklang eS leise: „Aber der Herr ist bei mir, wie ein starker Held: darum werden meine Verfolger fallen und nicht obsiegen, sondern sollen sehr zu Schanden werden, daß sie so thöricht handeln, ewig wird die Schande sein, der man nicht vergessen wird."

Und nachdem er diese Worte des Propheten vor sich hin geflüstert hatte, schloß er die Lippen wieder wie die Augen, und lag ruhig, gleich einem Schlummernden, da. In dem Keller aber war eS so still geworden wie in einer Kirche, und wer weiß, wie lange noch eS so still geblieben wäre, hätte nicht Herr Peuker, übermannt von seinem Gefühle, auSgerufen: „Der gute, fromme Mensch! — Muß solches Ungemach erdulden um eines Gottes­lästerers willen!"

Als wüßten sie sämmtlich : wer mit dem Gotteslästerer gemeint sei, so spannten sich Aller Blicke stracks auf den Nadler. Der aber riß seine Kappe von dem Nagel an der Wand, griff in seinen Seckel, warf etliche Geldstücke in die Schürze, welche die vor Rührung weinende Wirthin vor die Augen hielt, knurrte dem Leibschneider zu: „Meister Hamrath, wir sprechen uns", und verließ flugs den Keller, ohne einem Menschen gute Nacht zu sagen.

Jetzt sprach der Feldscherer davon, den Verwundeten nach dem Lazarethe schaffen zu lassen. Jedoch Herr Peu, ker gab dem Leibschneider den guten Rath , den Kürassier in sein HauS zu nehmen und ihn dort auf's Beste ver­pflegen zu lassen, waS Seine Kurfürstliche Durchlaucht gewiß sehr gnädig aufnehmen würde. Meister Hamrath erklärte sich auf der Stelle dazu bereit, langte nach der Hand des Verwundeten, faßte sie, drückte sie und sagte: „Du sollst bei wir sein wie der Sohn vom Hause und wie der Bruder meiner Lisbeth". — Als er die Hand des Kürassiers (es war ressen linke) wieder loslieS, fiel zufällig sein Blick daraus, und ward ganz starr, wie wenn er einen Geist sähe.

„Was ficht Euch an, MeisterHamrath"? fragte Herr Peuker den Erschrockenen.

„Seht selber, Herr Stadtrichter", antwortete der Leibschneider. „Der Kürassier hat sechs Finger an der Hand".

„Davor entsetzt Ihr Euch"? lachte der Feldscherer gegenüber. „Wenn ich so viel Thaler hätte, als eS Menschen gibt, die einen doppelten kleinen Finger haben" —

„Hat er denn an der andern Hand auch sechs"? fiel der Leibichneider mit bebender Stimme ein.

„WaS wird er denn nicht"? entgegnete der Feldscherer. „Mutter Natur beobachtet auch in ihren Ausnahmen noch eine gewisse Regelmäßigkeit und Gleichform". — Dabei hatte er die andere Hand res Kürassiers gefaßt und hob sie hoch, stutzte aber sichtbar, und bevor er selbst die Ursache seiner Verwunderung aussprach, schrie Mei, ster Hamrath auch schon:

„Seht Ihr? An der rechten Hand hat er nur fünf Finger".

„Wahrscheinlich", vermuthete der Feldscherer, „hat der Kürassier sich den doppelten kleinen Finger an der