Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — ^ 300.
Aus dem Leben eines Taugenichts
(Fortsetzung)
So saß ich ein Paar Minuten ganz still, ohne mich zu rühren. Aber ich weiß nicht, zuletzt konnt' ich'S gar nicht recht aushalten, bald juckte wich's da, bald juckte mich's dort. Auch hing mir gerade gegenüber ein zerbrochener halber Spiegel, da mußte ich immerfort hinein sehen, und machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei Gesichter und Primassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut auf und winkte mir mit der Hand, daß ich wieder aufstehen sollte. Mein Gesicht aus dem Hirten war auch schon fertig, und sah so klar auch daß ich mir ordentlich selber gefiel.
Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig fort, während er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das offene Fenster in die prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mit unterdeß noch eine Butterstolle und ging damit im Zimmer auf und ab und besah mir die Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir ganz besonders gut. „Habt Ihr die auch gemalt"? frug ich den Maler.
„Warum nicht gar"! erwiederte er, „die sind von den berühmten Meistern Leonardo da Vinci und Guido Reni — aber da weißt du ja doch nichts davon"! — Mich ärgerte der Schluß der Rede. „O," versetzte ich ganz gelassen, „die beiden Meister kenne ich, wie meine eigene Tasche".
Da machte er große Augen. „Wie so"? frug er geschwind. „Nun", sagte ich, „bin ich nicht mit ihnen Tag und Nacht fortgereift, zu Pferde und zu Fuß und zu Wagen, daß mir der Wind am Hute pfiff, und hab'sie alle beide in der Schenke verloren, und bin dann allein in ihrem Wagen mit Ertrapost immer weiter gefahren,
daß der Bombenwagen immerfort nur auf zwei Rädern über die entsetzlichen Steine flog, und" —
„Oho ! Oho"! unterbrach mich der Maler, und sah mich starr an, als wenn er mich für verrückt hielte. Dann aber brach er plötzlich in ein lautes Gelächter aus. „Ach", rief er, „nun verstehe ich erst, du bist mit zwei Malern gereist, die Guido und Leonard hießen"?
Da ich das bejahte, sprang er rasch auf und sah mich nochmals von oben bis unten ganz genau an. „Ich glaube gar", sagte er, „am Ende — spielst du die Violine?"
Ich schlug auf meine Rocktasche, daß die Geige darin einen Klang gab.
„Nun wahrhaftig", versetzte der Maler, „da war eine Gräfin aus Deutschland hier, die hat sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden Malern und nach einem jungen Musikanten mit einer Geige erkundigen lassen". —
„Eine junge Gräfin aus Deutschland"? rief ich voll Entzücken aus, „ist der Portier mit" ?
„Ja, vaS weiß ich alles nicht", erwiederte der Maler, ich sah sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber auch nicht in der Stadt wohnt. — Kennst du die"? fuhr er fort, indem er in einem Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in die Höhe hob. Da war mirs doch nicht anders, als wenn man in einer finstern Stube die Laden aufmacht und einem die Morgcnsonne auf einmal über die Augen blitzt, eS war — die schöne gnädige Frau! — sie stand in Einem schwarzen Sammtkleide im Garten, und hob mit der einen Hand den Schleier vom Gesicht und sah still und freundlich in eine weite, prächtige Gegend hinaus. Je länger ich hinsah, je mehr kam eS mir vor, als wäre es der Garten am Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im Winde , und unten in der Tiefe sähe ich mein Zoll-Häuschen und die Landstraße weit
