Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
Zeitung.
1850. — 3f 899.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Da bemerkte ich, daß eine schlanke, weiße Gestalt von fern hinter einer Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich über daS Gitterwerk kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den dunklen Garten nach dem Hause zuflog, daß man sie im Mondschein kaum füßeln sehen konnte. „Das war sie selbst!" rief ich auS, und das Herz schlug mir vor Freude, denn ich erkannte sie gleich an den kleinen, geschwinden Füßchen wieder. ES war nur schlimm, daß ich mir beim Herunterspringen vom Gartenlhore den rechten Fuß etwas vertreten hatte, ich müßte daher erst ein Paarmal mit dem Beine schlenkern, th' ich zu dem Hause nachspringen konnte. Aber da hatten sie unterdeß Thür und Fenster fest verschlosien. Ich klopfte ganz bescheiden an, horchte und klopfte wieder. Da war es nicht anders, als wenn es drinnen leise flüsterte und kicherte, ja einmal kam eS mir vor, als wenn zwei Helle Augen zwischen den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder Alles still.
Sie weiß nur nicht, daß ich eS bin, dachte ich, zog die Geige, die ich allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem Gange vor dem Hause auf und nieder, und spielte und sang daS Lied von der schönen Frau, und spielte voll Vergnügen alle meine Lieder durch, die ich damals in den schonen Sommernächten im Schloßgarten oder auf der Bank vor dem Zollhause gespielt hatte, daß es weit bis in die Fenster des Schlosses hinüber klang. — Aber eS half Alles nichts, eS rührte und regte sich Niemand im ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine ®eige traurig ein, und legte mich auf die Schwelle vor ^r Hausthür hin, denn ich war sehr müde von dem langen Marsch.
Die Nacht war warm, die Blumenbeete vor dem Hause dufteten lieblich, eine Wasserkunst weiter unten im Garten plätscherte immerfort dazwischen. Mir träumte von himmelblauen Blumen, von schönen, dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und Bächlein gingen, und bunte Vögel wunderbar sangen, bis ich endlich fest einschlief.
Als ich aufmachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die Vögel waren schon wach und zwitscherten auf den Bäumen um mich herum, als ob sie mich für'« Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und sah mich nach allen Seiten um. Die Wasserkunst im Garten rauschte noch immerfort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckie durch die grünen Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein So, pha, und ein großer, runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen, die Stühle standen alle in großer Ordnung und unverrückt an den Wänden herum; von außen aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelaffen, als wäre das ganze Haus schon seit vielen Jahren unbewohnt. — Da überfiel mich ein ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor der gest, rigen weißen Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen, durch die stillen Lauben und Gänge, und kletterte geschwind wieder an dem Gartenthore hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich aus einmal von dem hohen Gitterwerk in die prächtige Stadt hinunter sah. Da blitzte und funkelte die Morgensonne weit über die Dächer und in die langen, stillen Straßen hinein, daß ich laut aufjauchzen mußte und voller Freude auf die Straße hinunter sprang.
Aber wohin sollt' ich mich wenden in der großen, fremden Stadt? Auch ging mir die konfuse Nacht und daS wälsche Lied der schönen gnädigen Frau von gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich end«
