„Um Gotteswillen, Sire! Kehren Sie um, noch ist eS Zeit"! schrie die Frau in voller Verzweiflung. — „Nein"! antwortete der Kaiser; „was geschrieben ist, bleibt geschrieben" l — dann zog er einen herrlichen ori- entalischen Rubin, ein theures Andenken auS dem egpp- tischen Feldzuge, vom Finger und überreichte ihn jener Frau, welche die Hand küßte, die ihr dieses kostbare Geschenk bot. — Nun wendete sich Napoleon ab und betrat das englische Boot.
Drei Warnungen hatte Bonaparte von diesem Weibe empfangen; zwei davon waren nutzlos gewesen, weil er zu spät Kenntniß von ihnen bekam, die dritte, die nichts als die Bitte enthielt, er möge sich nicht den Engländern anvertrauen, wurde von ihm zurückgewiesen!
„Aber wer war denn jenes Weib, Herr Herzog"?
Diese Frage wurde im Air in der Provence an Fouche gerichtet, der sich, nachdem er bei Ludwig dem Achtzehnten in dessen Ministerium anfänglich eingetreten, dann in Ungnade gefallen war, dorthin zurückgezogen und verheirathet, und bei dem man in einer Gesellschaft die Anekdote, die wir eben vortrugen, erzählt hatte.
„In der That", antwortete Fouche- „Ich kann banu der keine Auskunft geben, und der Kaiser scheint das Geheimniß mit sich genommen zu haben. — Alles, waS ich habe in Erfahrung bringen können, besteht darin: daß eine Verwandte von einem der Hauptanstifter deS Attentats vom 3. Nivose im Jahr 1837 im Hotel-Dieu verstorben ist, und man bei ihr einen orientalischen Rubi» gefunden hat, den sie an einer seidenen Schnur um ihren Hals trug".
* Erinnerung an einen Sonderling.
(Schluß.)
Nachdem er mehrere Tage bei mir gelebt hatte, blieb er plötzlich wieder auS, Ich suchte ihn auf und fand ihn ln einem kleinen, niedern Stübchen bei einem Bürger; auch hier war eS schlecht genug, aber doch viel anständiger alS in dem vorigen Quartier. Wie ich ihn frug, warum er nicht zum Essen gekommen, erklärte er in sehr barschem Ton: er wolle nicht mehr" bei mir speisen, solchen LuruS könne er nicht vertragen, er verwöhne sich ganz, er werde bei seiner Lebensart bleiben, und zu Tische nicht mehr zu mir kommen.
Da eS schon Mittagszeit war, frug ich ihn, waS er denn heute genießen wolle, und er erwiederte, er werde heute schmausen, weil er sich bei mir wirklich schon verwöhnt habe; und zugleich holte er ein kleines schwarzes Brot für sechs Pfennige und ein schmutziges Töpfchen
mit Milch herbei und erklärte, daß dies sein Mittags- essen werden solle.
„Zum Henker, alter Freund", sprach ich scherzend, „geht lieber mit und eßt eine gute Suppe bei mir, die Euch besser bekommen wird." Anfangs weigerte er sich; endlich gab er mit Schimpfen und Poltern nach, und fing an, seine Toilette zu machen, wobei er mir lauter gute Regeln im Ton eines Zankenden gab.
Seine blanken Stiefeln hingen draußen vor dem Fenster, und während er sie hereinholte und anzog, sagte er: Die Menschen wissen nicht wie ein Stiefel muß behandelt werden. Da kommen sie Abends mit schmutzigen, nassen Stiefeln nach Hause, ziehen sie aus und lassen sie stehen. Kann da ein Stiefel trocken werden, und muß er so nicht vor der Zeit zu Grunde gehen? Wenn man sie auszieht, muß man sie gleich abputzen und aufhängen, daß die Sohle wieder trocken und fest wird."
Wie er seinen Rock vom Stuhl nahm, ereiferte er sich noch mehr über die Behandlung der Kleider. „Da wird", sprach er, „auf die Kleider geschlagen, und dann mit einer scharfen Bürste die Wolle abgekratzt, daß der Rock vor der Zeit zu Grunde geht. Ein wahrer Unsinn ! Man muß den Rock auS dem Fenster blos schüt- teln und ausstäuben, dann aber mit den Fingern die Federn und andern Schmutz, der sich daraus gesetzt hat ablesen."
Er that Dies wirklich während dem Sprechen, zeigte mir, daß der Rock ganz rein sei und zog ihn an. Endlich war er fertig und ging mit mir nach meinem Hause. Die Straße war sehr schmutzig, und ich bemerkte, wie er sich einen ganz eigenen Gang angewöhnt hatte um seine Stiefeln nicht schmutzig zu machen, indem er bald rechts bald links mit großer Leichtigkeit hüpfte, um auf Steine oder trockene Stellen zu treten. Ich sah leicht ein, daß ihm bei seinem großen Fußreisen Alles daran gelegen sein mußte, seine Stiefeln möglichst lange in gutem Zustande zu erhalten. Ich scherzte aber darüber und sagte: „Freund, jeder Mensch hat doch seine schwachen Seiten und sein bischen Eitelkeit. Bei Ihnen sind eö die schönen blanken Stieseln, für die Sie aufs ängstlichste besorgt sind." Er wurde hierdurch auf seine Sprünge auf, merksam, antwortete aber Nichts, sondern lachte auf kommische Weise mit seinem ernsten, deS Lachens unge, wohnten Gesichte.
Einst zog er seinen Geldbeutel und bat mich ihm einen Doppellouisdor wechseln zu lassen, wobei ich dann bemerkte, daß er wenigstens ein Dutzend drin hatte. „Ei", sagte ich, „Arendt, Sie haben ja eine gespickte Börse; da wundert eS mich doch, daß Sie sich so entsetzlich einschränken und schlecht leben."
