mit ihm zugleich traf Marschall Ney ein, welcher im Hotel de Sare abstieg und mich, der zugleich mit dem Senator Gruner im Auftrag des Magistrats ihn begrüßte, unter Erinnerung an unser Zusammentreffen in Lützen freundlich empfing, sodann aber eine sehr lange Rede an uns hielt, worin er die Zwecke des Kaisers Napoleon bei dem unternommenen Kriege auseinandersetzte, nämlich die Zivilisation von Europa, die, wie er sich ausdrückte, nicht den Kosacken sollte preisgegeben werden, und die Freiheit der Meere. Indeß sicherte er uns die möglichste Schonung der Stadt zu, wenn sie keine Veranlassung zur Unzufriedenheit geben werde.
Gedichte von Julius Sturm.
(Schluß.)
Wir müssen gestehen, daß wir das Gedicht nie fertig lesen können, ohne im tiefsten Innern ergriffen und bis zur Thräne gerührt zu werden. Wem cs hier nicht weich ums Herz wird, der besitzt keines, der weiß nicht, was ein Vaterherz im Augenblick des Scheidens von einem seiner Lieben so mächtig bewegt. — Der Choral: „Wie schön leuchtet der Morgenstern", ist des alten Dorfschulmeisters liebstes Lied. Als nämlich im 7jâhrigen Krieg der alte Fritz um den Besitz Schlesiens stritt, der Dorfschulmeister mit Seufzen und Gebet eine Nacht durchwacht hatte und am Morgen keine Feinde mehr sah, da zog er still sein Käpplein ab und gab dem lieben Gott die Ehre. Plötzlich aber kommt ein alter preußischer Husar ins Dorf gesprengt und zwingt den Schulmeister ihm die Kirche zu öffnen. Hastig ging er am Altar vorüber und hinaus wo die Orgel war. Dort ergriff er das Gesangbuch und befahl: „Wie schön leuchtet der Morgenstern" ganz ohne Vorspiel zu spielen. Der alte Schnautz- bart sang dann das Lied, der Schulmeister und sein Weib sangen mit, und als das Lied aus war, da saß der Husar still, ein heißer Strom von Thränen rann ihm übers braune Angesicht. Er drückte dann dem Schulmeister die Hand und gab ihm ein großes Thalerstück für die Armen im Ort. Und noch im Gehen sprach er weich:
. „Kein Lied kommt diesem Lied mir gleich,
Es hat mich in vergangner Nacht
Zum lieben Gott zurückgebracht,
's rief gestern Abend der Major
Vor unsrer Front: „„Freiwill'ge vor!
's soll ein verlorner Posten stehn
Dem Feinde nah, der auf den Höhn;
Hat Keiner Lust, hat keiner Muth""?
DaS trieb mir ins Gesicht das Blut:
Da müßten wir nicht Preußen sein!
Ich riefst und trat rasch aus den Reih'n;
Drei meiner Söhne folgten mir:
„Gehst du, so gehen wir mit dir" !
So zogen wir nach jenen Höhn,
Nm dort die ganze Nacht zu stehn.
Es blitzte hier, es krachte da,
Es war der Feind uns oft so nah,
Daß er uns sicherlich entdeckt,
Wenn uns nicht droben Der versteckt.
Ja Mann, ich habe so manche Nacht
Im Feld gestanden auf der Wacht,
Doch war mir nie das Herz so schwer, —
's kam nur von meinen Jungens her,
Ihr habt ja Kinder, — nun da wißt
Ihr selbst, was Vaterliebe ist.
Drum hab' ich auch emporgeblickt
Und ein Gebet zu Gott geschickt;
Und wie ich noch so still gefleht,
Da war erhört schon mein Gebet,
Denn leuchtend ging im Osten fern
Auf einmal auf — der Morgenstern,
Und mächtiger mir im Herzen klang
Der längst vergeff'ne fromme Sang;
Hâtt' gern gesungen gleich das Lied,
Doch schwieg ich, weil's unS sonst verrieth.
Zugleich fiel mir auch Manches ein,
Was anders hätte sollen sein,
Vor Allem, daß ich ich dieses Jahr
Noch nicht im Gotteshause war.
Das machte mir das Herz so schwer,
Das war's, das trieb mich zu Euch her".
Darauf entfernte sich der Alte und seitdem ward das
Lied: „Wie schön leuchtet der Morgenstern" des alten Schulmeisters liebster Choral.
Zum Schluffe wollen wir es dem Dichter nicht als ernstlichen Tadel ausgezeichnet haben, daß in mehrer« Gedichten die Töne der Weisen Chamisso's (S. 20, 189), Eichendorff's (S. 36) und Göthe's bald leiser, bald stärker durchgingen. — Es war nicht unsere Absicht mit kritischem Messer die poetischen Schönheiten zu zerlegen; wir wollten den Dichter mehr selbstredend auftreten lassen und zeigen, daß er vor Vielen zum echten Lyriker berufen ist, dem wir eine glückliche Zukunft prophezeien.
________________ (Sch.)
Webers Volkskalender für 1831,
(Leipzig, Verlag von J. J. Weber.)
Das scheidende Jahr hat uns wieder eine vermehrte Anzahl von Volkskalendern für das folgende gebracht. Aber leider sind nur wenige davon wirklich gut. Vielen steht die Oberflächlichkeit an der Stirn geschrieben und sie verrathen zu offen den Geist ihrer Erzeuger, das ist den leidigen SpekulalionSgeist, welcher nur und einzig um des Geldes Willen Bücher schafft. Die Verfasser oder Zusammensteller solcher Werke müssen meist, um ihren Zweck sicherer zu erreichen, mit dem Parteigeist gemeinsame Sache machen. Sie hängen das ködernde Schild der Volksbeglückung aus, verfechten und pflegen die
