Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen AUqcm. Zeitung.
1850. — 3f S9S.
Aus dem Leben eines Taugenichts
(Fortsetzung)
„Halt!" rief auf einmal der Eine von den Reitern, daß ich ordentlich zusammen fuhr. Wie ich mich umsehe, find sie beide abgestiegen und haben ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der Eine kommt aber rasch auf mich los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fängt auf einmal ganz unmäßig an zu lachen. Ich muß gestehen, mich ärgerte daS unvernünftige Gelächter. Er aber sagte: „Wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt' sagen: Einnehmer vom Schloß"!
^Jcb sah ihn groß an, wußte mich aber seiner nicht zu erinnern, hâtt' auch viel zu thun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Herren hätte ansehen wollen, die auf dem Schlöffe ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewi- gem Gelächter fort: „DaS ist prächtig! Du vacirst, wie ich sehe, wir brauchen einen Bedienten, bleib bei unS, da hast Du ewige Vakanz."
Ich war ganz verblüfft und sagte endlich, daß ich so eben auf einer Reise nach Italien begriffen wäre. —
„Nach Italien?!" entgegnete der Fremde, „eben dahin wollen auch wir."
„Nun, wenn DaS ist!" rief ich aus und zog voller Freude meine Geige aus der Tasche und strich, daß die Vögel im Walde aufwachten. Der Herr aber ergriff ge, schwind den andern Herrn und walzte mit ihm wie ver» rückt auf dem Rasen herum.
Dann standen sie plötzlich still. „Bei Gott", rief der Eine, „da seh' ich schon den Kirchthurm von B.! nun, da wollen wir bald unten sein." Er zog seine Uhr heraus und ließ sie repetiren, schüttelte mit dem Kopfe und ließ noch einmal schlagen. „Nein", sagte er, „daS Ht nicht, wir kommen so zu früh hin, daS könnte schlimm werden l"
Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen, breiteten eine schöne bunte Decke auf dem grünen Rasen auS, streckten sich darüber hin und schmausten sehr vergnüglich, theilten auch mir von Allem sehr reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen Tagen schon nicht mehr vernünftig gespeist hatte. — „Und daß du'S weißt", sagte der Eine zu mir, — „aber du kennst unS doch nicht?" — ich schüttelte mit dem Kopfe. — „Also, daß du'S weißt, ich hin der Maler Leonhard, und daS dort ist — wieder ein Maler — Guido geheißen."
Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der Morgendämmerung. Der Eine, Herr Leonhard, war groß, schlank, braun, mit lustigen, feurigen Augen. Der Andere war viel jünger, kleiner und feiner, auf altdeutsche Mode gekleidet, wie es der Portier nannte, mir weißem und bloßem Hals, um den die dunkelbraunen Locken herab hingen, die er oft auS dem hübschen Gesichte wegschütteln mußte.
AlS dieser genug gefrühstückt hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf den Boden gelegt hatte, setzte sich damit auf einen umgehauenen Baumast, und klimperte darauf mit den Fingern, dann sang er dazu so hell wie ein Waldvögelein, daß eS mir recht durchs ganze Herz klang:
Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebelthal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!
Und sein Hütlein in die Lust
Wirst der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun so will ich fröhlich fingen!
Dabei spielten die röthlichen Morgenscheine recht unmuthig über sein etwas blaffes Gesicht und die schwur,
