Die gegenwärtige, nach 33 Jahren auS der Erinnerung niedergeschriebene Relation kann natürlich nur sehr lückenhaft und besonders in chronologischer Ordnung ungenau auSfallen; dock' darf ich versichern, daß, wenn auch Manches, ja Vieles fehlen wird, was gesprochen worden ist, denn das Gespräch dauerte über eine Stunde, doch Nicht ein Wort hinzugefügt ist, was nicht wirklich gesprochen worden wäre. UebrigenS war die Unterhaltung sehr ost unterbrochen, indem der Kaiser mehrmals nach Beantwortung der von ihm an die Deputation gerichteten Fragen eine Pause machte, zuweilen einige Worte an die Marschälle richtete oder auch diese sich an ihn wendeten.
Bei unserm Eintritt unterbrach Napoleon Dufour, welcher ihn anreden wollte, mit den Worten:
„Ich habe Sie schon gesehen, Sie nennen sich Du — Du —"
„Dufour, Ew. Majestät", entgegnete Dieser.*)
Hierauf wendete sich der Kaiser mit der Frage an mich: „Und Sie?"
Ich erwiderte: „Groff, Doktor der Rechte und Mitglied des Magistrats".
Bei dieser Antwort schien der Kaiser mehr die erste Bezeichnung aufzufassen, indem er sagte: „Ah, die Universität ist nicht gerade gut gesinnt" (luniversite nest pas trop bonne), und sodann Frege fragte:
Wer sind Sie"?
Auf dessen Antwort: „Mitglied des Magistrats und Kaufmann", fragte er sogleich: „WaS gilt der Zucker in Leipzig" ? welche Frage unS allerdings einigermaßen befremdete , worauf jedoch Frege mit Wahrheit antworten konnte, daß der Zentner Zucher noch 100 Thaler gelte. Später warf unS der Kaiser vor, daß in der Stadt für daS Lützow'sche Frei-Korps geworben worden fei, worauf ich entgegnete, daß wie eS damals auch wirklich der Fall war, nur einige junge, unbesonnene Leute sich hätten anwerben lassen. Sodann fragte er nach den Nachrichten, welche die Generale der alliirten Armeen hätten bekannt machen lassen, und wir konnten ihm die frcilch für ihn nicht sehr erfreuliche Kunde mittheilen, daß nach der neuesten offiziellen Bekanntmachung des preußischen Kommandanten in der „Leipziger Zeitung" die Festung Thorn und Spandau den alliirten Truppen übergeben worden wären; er äußerte hierauf nichts. Ferner fragte er nach der Zahl der in und um Leipzig gelegenen alliirten Trup
•) Napoleon hatte Dufour nämlich im Jahre 1807 in Paris gesehen ; ob er ihn nun wirklich sofort wiedererkannte, oder ob «r die Namen der Deputirten vorher von Lelorgne-d'Jdcville erfahren hatte und daS Wiedererkennen nur simulirte, wie er es zuweilen mit Soldaten seiner Armee gemacht haben soll, will ich dahingestellt sein lassen; doch walteten hier zu einer solchen Simulation die Gründe nicht ob, die ihn in andern Fällen dazu bestimmen konnten.
Pen, welche Frage aber schwer zu beantworten war, da vor der Schlacht von Lützen das russische Hauptquartier sich niemals in der Stadt selbst, sondern erst in Lindenau und dann in Gohlis befand und die Besatzung der Stadt der Zahl nach wechselte.
Endlich empfahl er uns, die Ruhe in der Stadt aufrecht zu erhalten und für Brod für seine Armee zu sorgen, „car“, beschloß er seine Rede, „nous sommes bien affamés“ mit welchen Worten er uns verabschiedete. Als wir aus der Stube kamen bot unS ein Adjutant des Kaisers zur Rückkehr eine Sauvegarde von Gendarmen an, die wir jedoch ablehnten, da uns eine reitende Begleitung nur am schnelleren Fortkommen gehindert haben würde, eilten vielmehr nach dem Pvsthause, wo wir sofort anspannen ließen und auf der ersten Strecke des Weges von mehre, ren brennenden Dörfern, insbesondere dem Thurme von Großgörschen, welcher wie eine Kerze brannte und von den Bivouaksfeuern, von denen man die der alliirten Truppen in der Entfernung, in der Richtung von Borna und Zeitz wahrnehmen konnte, beleuchteten Chaussee nach Leipzig zurückfuhren und um 1V» Uhr daselbst anlangten, ohne auf dem ganzen Wege, selbst am Thore von Leipzig von einem Piquet oder einer Wache befragt zu werden. Wahrscheinlich hielt man unsere mit vier Pferden bespannte und mit einem Vorreiter versehene Batarde sür einen zum kaiserlichen Hauptquartier gehörigen Wagen.
(Schluß folgt.)
Gedichte von Julius Sturm.
(Fortsetzung.)
Damit jedoch auch auS diesem Abschnitt den Lesern dieses Blattes ein ganzes Gedicht zur Probe geboten werde, lassen wir das „Sorge nicht!" folgen:
„Herz laß dein Sorgen sein,
Sorgen schafft Angst und Pein
Und frommt doch nicht;
Vertrau auf Gott den Herrn,
Sein' Hilf ist dir nicht fern,
Gott schlummert nicht.
Sieh nur die Lilien an,
Wer hat sie angethan
Mit solcher Zier?
Gott webt zu aller Zeit
Ihnen das Feierkleid,
Webt es auch dir.
Nimmt doch der Vöglein wahr,
Die aller Sorgen baar
So fröhlich sind;
Gott nährt sie spät und früh, Bist du nicht mehr als sie, Nicht Gottes Kind?
