Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — JVi S91
Aus dem Leben eines Taugenichts
(Fortsetzung)
Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die mir vorhin die Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich — ich konnte da mein Glück machen, eh' man die Hand umkehrte. Und Hammel und Schweine, Puter und fette Gânse mit Aepfeln gestopft — ja, eS war mir nicht anders, alö sâh' ich den Portier auf mich zukommen: „Greif zu, Einnehmer, greif' zu! jung gefreut hat Niemand gereut, wer's Glück hat, führt die Braut heim, bleibe im Lande und nâhre dich tüchtig". In solchen philosophischen Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf einen Stein nieder, denn an das Wirthshaus anzuklopfen traute ich mich nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig, von den Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber, manchmal schlugen im Dorfe die Hunde an, daS weiter im Thale unter Bäumen und Mondschein wie begraben lag. Ich betrachtete daS Firmament, wie da einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dachte ich, scheint der Mond auch über meines Vaters Mühle und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort ist nun auch schon Alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die Wasserkünste und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und Allen ist's gleich, ob ich noch da bin, oder in der Fremde, oder gestorben. — Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor, und ich so ganz allein darin, daß ich auS Herzensgründe hätte weinen mögen. —
Wie ich noch immer so da sitze, höre ich auf einmal aus der Ferne Husschlag im Walde. Ich hielt den Athem
an und lauschte, da kam es immer näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bäumen hervor, hielten aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte, die plötzlich über den mondbeglänzten Platz vorschossen, und mit langen dunklen Almen bald dahin bald dorthin wiesen.
Wie oft, wenn mir zu Hause meine verstorbene Mutter von wilden Wäldern und martialischen Räubern erzählte, hatte ich mir sonst immer heimlich gewünscht, eine solche Geschichte selbst zu 'erleben. Da hatt' ichs nun auf einmal für meine dummen, frevelmüthigen Gedanken ! — Ich streckte mich nun an dem Lindbaum, unter dem ich gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich nur konnte, bis ich den ersten Ast erreicht hatte und mich geschwinde hinaufschwang. Aber ich baumelte noch mit halbem Leibe über dem Aste und wollte soeben auch meine Beine nachholcn, als der eine von den Reitern rasch hinter mir über den Platz daher trabte. Ich drückte nun die Augen fest zu in dem dunkeln Laube, und rührte und regte mich nicht. — „Wer ist da" ? rief eS auf einmal dicht hinter mir. „Niemand"! schrie ich ans Leibeskräften vor Schreck, daß er mich doch noch erwischt hatte. Insgeheim mußte ich aber doch bei mir lachen, wie die KerlS sich schneiden würden, wenn sie mir die leeren Taschen umdrehten. — „Ei, ei", sagte der Räuber wie, der, „wem gehören denn aber die zwei Beine, die da herunter hängen" ? — Da half nichts mehr. „Nich-S weiter" versetzte ich, „als ein Paar arme, verirrte Musikantenbeine", und ließ mich rasch wieder auf den Boden herab, denn ich schämte mich auch, länger wie eine zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen.
DaS Pferd deS Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baume herunterfuhr. Er klopfte ihm den HalS und
