tunkte ihr Schnäbelchen in den Wein, wobei ihre Augen über das GlaS weg auf mich herüber funkelten, und reichte mir darauf die Stampe hin. Da trank ich das Glas bis auf den Grund aus, und spielte dann wieder von Frischem, daß sich Alles lustig um mich herumdrehte.
Die Alten waren unterdcß von ihrem Spiel aufge- Krochen, die jungen Leute fingen auch an müde zu werden und zerstreuten sich, und so wurde es nach und nach ganz still und leer vor dem Wirthshause. Auch das Mädchen, das mir den Wein gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging sehr langsam und sah sich zuweilen um, als ob sie was vergessen hätte. Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah wohl, daß sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir zurückblickte.
Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich sprang also geschwind herzu und sagte: „Haben Sie etwas verloren, schönste Mamsell" ? — „Ach nein", sagte sie und wurde über und über roth , „eS war nur eine Rose — will Er sie haben" ? — Ich dankte und steckte die Rose ins Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: „Er spielt recht schön". — „Ja", versetzte ich, „das ist eine Gabe Gottes". — „Die Musikanten sind hier in der Gegend sehr rar", hub das Mädchen dann wieder an und stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen. „Er könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen — auch mein Vater spielt etwas die Geige und hört gern von der Fremde erzählen — und mein Vater ist sehr reich". — Dann lachte sie auf und sagte: „Wenn Er nur nicht immer solche Grimassen machen möchte mit dem Kopse, beim Geigen". — „Theuerste Jungfer", erwiederte ich, „ernstlich: nennen Sie mich nur nicht immer Er; sodann mit dem Kopf-Tremulenzen- das ist einmal nicht anders, daS haben wir Virtuosen alle so an unS". — „Ach so! entgegnete das Mädchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf einmal ein entsetzliches Gepolter im Wirthshause, die Hausthür ging mit großem Gekrache auf und ein dünner Kerl kam wie ein auögeschoßner Ladstock herausgeflogen, worauf die Thür sogleich wieder hinter ihm zugeschlagen wurde. —
DaS Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Reh davon gesprungen und im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Thür aber raffte' sich hurtig wieder vom Boden auf und fing nun an mit solcher Geschwirr- digkeit gegen das Haus loSzuschimpfen, daß es ordentlich zum Erstaunen war. „WaS"! schrie er, ich besoffen? ich die Kreidestriche an der verräucherten Thür nicht bezahlen? Löscht sie auS, löscht sie auS! Hab' ich Euch nicht erst gestern über'n Kochlöffel barbirt und in die Nase geschnitten, daß Ihr mir den Löffel morsch entzwei
gebissen habt? Barbieren macht einen Strich — Kochlöffel, wieder ein Strich — Pflaster auf die Nase, noch ein Strich — wieviel solche hundSföttische Striche wollt Ihr denn noch bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze Welt ungeschoren. — Lauft meinetwegen mit Euren Bärten, daß der liebe Gott am jüngsten Tage nicht weiß, ob Ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt Euch an Euren eigenen Bärten auf, Ihr zottigen Landbären" !
Hier brach er aufeinmal in ein jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbärmlich durch die Fistel fort: „Wasser soll ich saufen, wie ein elender Fisch? ist daS Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein auSge- lernter Feldscheer? Ach, ich bin heute so in der Rage! Mein Herz ist voller Rührung und Menschenliebe"! Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, da im Hause Alles still blieb. Als er mich erblickte , kam er mit auSgebreiteten Armen auf mich los, ich glaube, der tolle Kerl wollte mich ambrassiren. Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er weiter, und ich hörte ihn noch lange, bald grob, bald fein, durch die Finsterniß mit sich diskuriren. (Fortsetzung folgt.)
Die Schlacht von Lützen am 2. Mai 1813
(Fortsetzung auS Nr. 287).
Als wir auf das Ralhhaus zurückkamen, fanden wir den Senator Gruner und den Handlungsdeputirten Dufour, welche bereits Gelegenheit gefunden hatten, mit dem ihnen persönlich bekannten General Maison zu spre« cheu, und den Rath erhalten hatten, so schnell als möglich eine Deputation nach Lützeu an den Kaiser Napoleon abzusenden, da er sehr gegen die Stadt Leipzig eingenommen und eS sehr wichtig sei, durch eine solche Demonstration ihn günstig für dieselbe zu stimmen. Der Syndikus Dr. Siegmann beauftragte mit dieser Deputation mich, den Senator Frege und den ebenfalls auf dem Rathhause gegenwärtigen Handlungsdeputirten Dufour, und wir begaben unS schnell nach Hause, um uns mit den zu der damaligen Zeit bei solchen Gelegenheiten noch unerläßlichen Hofröcken und Degen zu versehen, und fuhren dann 4'/, Uhr in einem mit vier Pferden aus dem Mar- stall bespannten Wagen nach Lützen ab, ohne irgend eine Sauvegarde oder auch nur Legitimation mit »ns zu nehmen, wo wir dann aus dem Wege von der Stadt biS Lindenau die Spuren des soeben stattgefundenen GefechtS in mehreren am Wege liegenden todten Menschen und Pferden wahrnahmen.
