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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. — JVs 290.

Aus dem Leben eines Taugenichts.

(Fortsetzung)

Hier im Wiesenthal war eS so einsam, als läge die Welt wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heim­chen zirpten, und ein Hirt lag drüben im hohen Grase und blieS so melancholisch auf seiner Schalmei, daß einem daS Herz vor Wehmuth hätte zerspringen mögen. Za, dachte ich bei mir, wer cs so gut hätte, wie so ein Faullenzer! unser einer muß sich in der Fremde herum­schlagen und immer attcnt sein. — Da ein schönes kla­res Flüßchen zwischen uns lag, über das ich nicht her­über konnte, so rief ich ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ sich aber nicht stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig auS dem Grase hervor, wies mit seiner Schalmei auf den andern Wald hin und blieS ruhig wieder weiter.

Unterbeß marschirte ich fleißig fort, denn eS sing schon an zu dämmern. Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten, als die letzten Sonnen­strahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf ein­mal still, und mir fing beinahe an angst zu werden in dem ewigen, einsamen Rauschen der Wälder. Endlich hörte ich von ferne Hunde bellen. Ich schritt rascher fort, der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald sah ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schö­nen grünen Platz, auf dem viele Kinder lärmten und sich um eine große Linde herumtummelten, die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze war ein Wirths­haus, vor dem einige Bauern um einen Tisch saßen und Karten spielten und Tabak rauchten. Von der andern Seite saßen junge Bursche und Mädchen vor der Thür, die die Arme in ihre Schürzen gewickelt hatten und in der Kühle mit einander plauderten.

Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und spielte schnell einen lustigen Ländler auf, während ich auS dem Walke hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Alten lachten, daß es weit in den Wald hineinschallte. Als ich aber so bis zu der Linde gekommen war, und mich mit dem Rücken dran lehnte, und immerfort spielte, da ging ein heimliches Rumoren und Gewisper unter den jungen Leuten rechts und links, die Bursche legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg, jeder nahm die Seine, und eh' ich's mir versah, schwenkte sich das junge Bauernvolk tüchtig um mich herum, die Hunde bellten, die Kittel flogen, und die Kinder standen um mich im Kreise, und sahen mir neugierig ins Gesicht und auf die Finger, wie ich so fix damit hanthierte.

Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie eine gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernburschen, die sich vorher, die Pfeifen im Munde, auf den Bänken reckten und die steifen Beine von sich streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, ließen ihre bunten Schnupftücher vorn am Knopfloch lang her­unter hängen und kapriolten so artig um die Mädchen herum, daß eS eine rechte Lust anzuschauen war.

Einer von ihnen, der sich schon für was Rechtes hielt, haspelte lange in seiner Westentasche, damit es die andern sehen sollten, und brachte endlich ein kleines Sil­berstück heraus, das er mir in die Hand drücken wollte. Mich ärgerte das, wenn ich gleich dazumal kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er sollte nur seine Pfennige behalten, ich spielte nur so auS Freude, weil ich wieder bei Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein schmuckes Mädchen mit einer großen Stampe Weik zu mir. „Musikanten trinken gern", sagte sie, und lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen Zähne schimmer, ten recht charmant zwischen den rothen Lippen hindurch, so daß ich sie wohl hätte darauf küssen mögen. Sie