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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. JV» 286.

Aus dem Leben eines Taugenichts.

(Fortsetzung)

Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh' noch Rast mehr. Es war mir bestânoL] zu Muthe, wie sonst im, mer, wenn der Frühling anfangen sollte, so unruhig und fröhlich, ohne daß ich wußte, warum, als stünde mir ein großes Glück oder sonst etwas Außerordentliches bevor. Besonders das fatale Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand, und ich hatte, wenn der Son­nenschein durch den Kastanienbaum vor vem Fenster grün­golden auf die Ziffern siel, und so fir vom Transport bis zum Latus und wieder hinauf und hinab addirte, gar seltsame Gedanken dabei, so daß ich manchmal ganz verwirrt wurde, und wahrhaftig nicht bis drei zählen konnte. Denn die acht kam mir immer vor wie meine dicke, enggeschnürte Dame mit dem breiten Kopfputz, die böse sieben war gar wie ein ewig rückwärts zeigender Wegweiser oder Galgen. Am meisten Spaß machte mir aber noch die neun, die sich mir so oft, ehe ich mich's versah, lustig als sechs auf den Kopf stellte, wäh­rend die zwei wie ein Fragezeichen so pfiffig drein sah, als wollte sie mich fragen: Wo soll daS am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne sie, diese schlanke Eins und Alles, bleibst du doch ewig Nichts!

Auch das Sitzen draußen vor der Thür wollte mir nicht mehr behagen. Ich nahm mir, um eS bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und streckte die Füße darauf, ich flickte ein altes Parasol vom Einnehmer, und steckte eS gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus über mich. Aber es half nichts. Es schien mir, wie ich so saß und rauchte und spekulirte, als würden mir oll- Mählig die Beine immer länger vor Langeweile, und die Nase wüchse mir vom Nichtsthun , wenn ich so stunden­lang an ihr heruntersah. Und wenn denn manchmal

noch vor Tagesanbruch eine Ertrapost vorbeikam, und ich trat halb verschlafen in die kühle Luft hinaus, und ein niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dämmerung nur die funkelnden Augen sah, bog sich neugierig zum Wagen hervor und bot mir freundlich einen guten ­gen, in den Dörfern aber ringsumher krähten die Hähne so frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber, und zwischen den Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu früh erwachte Lerchen, und der Postillon nahm dann sein Posthorn und fuhr weiter und blies und blies da stand ich lange und sah dem Wagen nach, und es war mir nicht anders, als müßt' ich nur sogleich mit fort, weit, weit in die Welt.

Meine Blumensträuße legte ich indeß immer noch, sobald die Sonne unterging, auf den steinernen Tisch in der dunkeln Laube. Aber das war es eben: damit war eS nun aus seit jenem Abend. Kein Mensch kümmerte sich darum: so oft ich deS Morgens frühzeitig nachsah, lagen die Blumen noch immer da wie gestern, und sahen mich mit ihren verwelkten, niederhängenden Köpfchen und darauf stehenden Thautropfen ordentlich betrübt an, als ob sie weinten. DaS verdroß mich sehr. Ich band gar keinen Strauß mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben, wie es wollte, und die Blumen ließ ich ruhig stehen und wachsen, biS der Wind die Blätter verwehte. War mir's doch eben so wild und bunt und verstört im Herzen.

In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, daß einmal, als ich eben zu Hause im Fenster liege und ver« drüßlich in die leere Luft hinauSsehe, die Kammerjungfer Schlosse über die Straße daher getrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte, schnell zu mir ein und blieb am Fenster stehen.Der gnädige Herr ist gestern von seiner Reise zurückgekommen", sagte fie eilfertig.So"? entgegnete ich verwundert denn ich hatte mich schon