Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allstem. Zeitung.
1850. — ^ 283.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir Jemand mit dem Stocke auf die Schulter. Ich kehre mich schnell um, da steht ein großer Herr in Staatskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die Hüften übergehängt, mit einem oben versilberten Stabe in der Hand, und einer außerordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesicht, breit und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich hier will. Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen nichts hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf und herunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von oben bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte) gerade auf mich los nnd sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die gnädige Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche dienen wollte? —
Ich griff nach der Weste; meine Paar Groschen, weiß Gott, sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche gesprungen sein, waren weg, ich hatte nichts als mein Geigenspiel, für das mir überdies auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehen sagte, nicht einen Heller geben rollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu der Kammerjungfer: Ja; noch immer die Augen von der Seite auf die unheimliche Ge, statt gerichtet, die immerfort wie der Perpendikel einer Thurmuhr in der Halle auf und ab wandelte , und eben wieder majestätisch und schauerlich aus dem Hintergründe heraufgezogen kam. Zuletzt kam endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel und Bauernlümmel unterem ”Qrt' und führte mich nach dem Garten, während er
mir unterwegs noch eine lange Predigt hielt wie ich nur fein nüchtern und arbeitsam sein, nicht in der Welt her- umvagiren, keine brodlosen Künste und unnützes Zeug treiben solle, da könnt' ich eS mit der Zeil einmal za was Rechtem bringen.
Es waren noch mehr sehr hübsche, gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe nur seitdem fast Alles wieder vergessen. Ueberhaupt weiß ich eigentlich gar nicht recht, wie doch Alles so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu Al- ' lem: Ja! — denn mir war wie einem Vogel, dem die i Flügel begossen worden sind. — So war ich denn, Gott I sei Dank im Brode. —
In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich ! mein warmeS Essen vollauf, und mehr Geld, alö ich zum * Weine brauchte, nur hatte ich leider ziemlich viel zu thun, i Auch die Tempel, Lauben und schönen 'grünen Gänge, daS gefiel mir Alles recht gut, wenn ich nur hâlte ruhig drinnen herumspazieren können und vernünftig dis- j kuriren, wie die Herren und Damen, die alle Tage dahin kamen.
So oft der Gärtner fort und ich allein war, zog ich sogleich mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich hin und sann auf schöne höfliche Redensarten, wie ich die eine junge schöne Dame, die mich in das Schloß mit# brachte, unterhalten wollte, wenn ich ein Kavalier wäre I und mit ihr hier herumginge. Oder ich legte mich an - schwülen Nachmittagen.auf den Rücken hu, wenn Alles ’ so still war, daß man nur die Bienen sumsen hörte, und sah zu, wie über mir die Wolken nach meinem Dorfe zuflogen und die Gräser und Blumen sich hin und her be- : wegten, und gedachte an die Dame, und da geschah eS denn oft, daß die schöne Frau mit der Guitarre oder einem Buche in der Ferne wirklich durch den Garten zog, so still, groß und freundlich wie ein Engelsbild, so daß ich nicht recht wußte, ob ich träumte oder wachte.
