Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — M 281.
Die Galeere des Herzogs von Vivonne
Novelle aus dem Französischen von Fr. Bouffier.
(Schluß.)
„Mein lieber Sohn", sagte Guillard, ich habe den Aufforderungen des Generalprokurators, dem das Vorhandenseyn dieses BilleteS nicht unbekannt war, Folge leisten müssen; er hat mir besohlen, dasselbe seinen Händen zu überliefern. Seit fünfzig Jahren bin ich gewohnt, die Befehle der Justiz zu respektiren und zu befolgen. Das zu meiner Rechtfertigung.
„Und der Generalprokurator deS Parlaments", fügte der Herzog von Vivonne hinzu, „that Nichts, als den Befehlen deS Königs gehorchen. Ich, lieber Philipp, ich bin der wahre Schuldige bei dieser Geschichte, und auch vielleicht ein wenig meine Schwester," bemerkte er, auf Frau von MonteSpan zeigend, „die eifersüchtig darauf war, mit mir Ihr Liebes- und Geschäftsglück zu gründen; denn, mein lieber Philipp, die schöne Marquise von Allainvall wird für Sie wieder die Tochter des Goldarbeiters Chou- quet. Sie verabschiedet die lächerlichen Privilegien eines Adels von einigen Tagen, um sich mit dem Manne zu vereinen, der ihr mehr als das Leben geopfert hat."
Ist es möglich"! rief Philipp ganz außer sich, „was, Fanchette — was, Madame, Sie lassen sich bis zu mir nieder!! Die glanzvolle Wittwe des Marquis von Allainvall sollte die Frau eines einfachen Künstlers werden!"
„Weit davon entfernt zu glauben, mich herabzulassen, Philipp," entgegnete die junge Wittwe, „denke ich im Gegentheile, mich zu erheben. Der väterliche Stolz hat mich zur Marquise gemacht, die Liebe — und zwar eine erwiderte Liebe — und Frau von Allainvall legte rin besonderes Gewicht auf dieses Wort — führt mich Zu meiner ersten Bestimmung zurück. Der Adel ist über- al, in schönen Thaten, in dem Talente, in der edeln
und hingebenden Liebe. — Philipp, Sie sind Fürst mit diesen Titeln, und Sie haben seit lange schon Ihren Adelsbrief gewonnen."
„Sie haben Recht, Madame, und sprechen wie ein Engel", bemerkte der Marschall von Vivonne, „werden Sie wieder Bürgerin, oder lieber — denn unser Philipp Asselin ist von einer altadeligen Herkunft, deren Sprößlinge man stets auf den Schlachtfeldern wiederfindet, aber nie am Hofe der Könige sieht, — begnügen Sie sich mit einem weniger glänzenden, aber eben so achtungswerthen Range in der Welt; denken Sie überhaupt daran, daß ein gewisser Cäsar, Soldat wie ich, gesagt hat, daß eS besser wäre, der Erste iu einem Dorfe, als der Zweite in Rom zu sein. Bewahren Sie diese Reize, diese Anmuth, diese Liebenswürdigkeit, die Ihnen am Hofe so sehr Aller Sympathieen gewonnen haben, und Sie werden nachmals das Ideal der Bürgerschaft sein, wie Sie früher das deS Hofes waren."
Die Heirath Philipp AfselinS, des Goldarbeiters des Königs und der Fanchette Chouquet, verwittweten Marquise von Allainvall, unter den Auspizien des Her, zogS von Vivonne und der Frau von Montespan, ließ nicht lange aus sich warten. Dank diesem mächtigen Patronate gewann daS Etablissement Philipp Asselins in den Gallerien des Palais eine beträchtliche Ausdehnung. Wenn das Talent sich mit der Gunst einigt, dannZehlt selten ein herrlicher Erfolg.
Die Gegenstände der Goldarbeiterei, welche auS den Werkstätten Philipp Asselins hervorgingen, wurden in allen Hauptstädten und von allen Höfen Europas gesucht, denn Alles, waS man bei ihm kaufte, war mit dem Stempel eines guten Geschmackes, der Dauerhaftigkeit und deS Talentes bezeichnet.
Die prachtvollen Möbel von massivem Silber, welche Ludwig XIV. für daS Schloß vou Versailles bestellte,
