Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. — S79.

Die Galeere des Herzogs von Vivonne.

Novelle aus dem Französischen von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung.)

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In den ersten Tagen der folgenden Woche hielt eine reiche Equipage, mit den Wappen deS Hauses Mortinart ge­ziert und mit 4 Pferden bespannt, in dem Hofe deS Mai, und der Marschall Herzog von Vivonne, begleitet von zwei Damen, die nach der Sitte der vornehmen Damen jener Zeit eine SammtmaSke vor dem Gesicht trugen, stieg mit diesen auS derselben. Vivonne begab sich nun } in eine Tragsânfte und die zwei Damen in eine andere, ; und man kam durch die Stufen der breiten Treppe, die f man damals die Präsidententreppe nannte, in der Gal­lerte Merciere an. Die zwei Tragsänflen hielten gleich­zeitig an der Thüre deS Golvarbeiterlavens.

Philipp erkannte sogleich seinen erlauchten Wohlthä­ter. „Gnädigster Herzog" ! rief er, ihm entgegenstürzend.

„Ich selbst, mein lieber Philipp", erwiderte dieser, „und mit zwei Damen, die ebenso neugierig, wie ich, daS ; Meisterwerk betrachten wollen, mit dem Du ohne Zweifel ; die französische Goldarbeiterkunst bereichert hast".

Philipp verneigte sich dreimal vor den maskirten Damen.

„Italien, daS schöne und lachende Sicilien, wird Dich unzweifelhaft dazu begeistert haben"? bemerkte Vi­vonne, sich mit der einen Hand auf einen Rohrstock mit goldenem Knopfe stützend und mit der andern auf die Schullern des Goldarbeiters lehnend. Du mußt Dich jetzt bereit halten, uns die syrakusischen Amphoren, die korinthischen Vasen und die florenlinischen Becher zu über­reichen. Aber, gestehe : ir, mein lieber Philipp, man muß Dich sehr gerne haben, um in dem Zustande, in dem ich mich befinde, von Versailles nach Paris zu kommen,

um Dich zu besuchen. Findest Du mich nicht noch dicker geworden seit unserer Trennung und habe ich nicht daS Ansehen eines Hippopotamus"?

Vivonne, obgleich noch jung, hatte in der That eine außergewöhnliche Wohlbeleibtheit bekommen. Die An­strengungen des Krieges und die Nachtwachen des Hofes vermochten Nichts gegen den Lurus von Gesundheit, der seine Wangen röthtete und sich auf seiner Stirne aus- prägte, aber seinen Körper mit einer Korpulenz auSstat« tete, die ihm die Haltung eines KriegerS und eines Hof- manneS benahm.

„Der König, Du weißt es Philipp, hat mir den Marschallstab Frankreichs gegeben; aber mehr um mich auf denselben zu stützen, als um seine Flotten und seine Armeen zu kommandiren. Ist eS möglich, mein Freund, daß so eine Zitadelle, wie ich, noch zu Pferde sitzen könne! kaum auf meinen Schiffen vermag ich das Gleichgewicht zu halten".

„Gnädiger Herr", entgegnete Philipp, das Talent eines Generals ist in seinem Kopfe . . . nicht in der Thätigkeit seiner Glieder; Sie haben es am Rheine und bei Messina wohl bewiesen".

„Schmeichler", sagte der Herzog, „hast Du vielleicht mehr Absicht in den Vorzimmern deS Königs anders zu glänzen, als durch Deine Meisterwerke? Doch genug jetzt von Dem, und zeige unS Dein Magazin.

Philipp Asselin führte den Herzog und die zwei Damen in sein Atelier, erklärte ihnen die Vorgänge der

i Fabrikation, legte ihnen Gold- und Silberwaaren vor • und zeigte ihnen drei herrliche Vasen, auf denen die ; Wappen deS berühmten Hauses Rochechouart erglänzten.

Dann führte er sie in ein besonderes Atelier, in die : Werkstätte, in die kein menschliches Wesen seit Jahren, ! außer er, einen Fuß gesetzt hatte.