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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. ^F S7Z.

Die Galeere des Herzogs von Vivonne

Novelle auS dem Französischen von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung.)

Die Goldarbeiterei ist wohl zu den schönen Künsten zu rechnen. Bei den Griechen, den Römern, selbst den Orien­talen, verband sie sich mit der Bildhauer - und Gravier- kunst, der Malerei und der Poesie. Man erfordert zu der Arbeit in den kostbaren Metallen eine Sicherheit der Hand und ein sehr geübtes Augenmaß, was sich beides mehr durch die Schärfe des Verstandes und Ueberlegung, als durch die tägliche Uebung erlangen läßt. Diese Kunst verherrlicht und verewigt bei den gebildeten Völkern eben so wohl alS Bildhauerei und Architektur die großen Welt- ereignisse der entferntesten Nachwelt. Sie übermacht künf­tigen Generationen Abbildungen der Helden, Philosophen und Weisen; in einem Wort, die Goldarbeiterei behauptet einen wichtigen Platz in den Palästen der Könige, in den Tempeln der Götter, die sie mit ihren Wunderwerken ziert und durch ihre herrlichen Produktionen glänzen läßt. Der Becher des AntoninuS und der Cleopatra, der Sarg Mahmuds II.; die Jagd in St. Peter zu Rom sind Monumente dreier Epochen der Goldarbeiterei".

Die Werke Benvenuto Cellini'S im sechzehnten Jahr­hundert werden ein ebenfalls unumstößliches Zeugniß der Goldarbeiterei in ihrer Verschmelzung mit den schönen Kün­sten bleiben: der florentinische Goldarbeiter war Bildhauer, Graveur und Poet"

Und braver Krieger", unterbrach Vivonne,denn Papst Clemens VII. übertrug ihm die Vertheidigung der EngelSburg, und Benvenuto Cellini vertheidigte sie mit eben so viel Tapferkeit als Klugheit"'

Meine Einbildung spiegelte mir diese Erhabenheiten der Goldarbeiterei stets vor", erwiderte Philipp,und wenn ich eS hier gestehen soll ich nährte die Hoffnung,

diese Kunst in meinem Vaterlande wieder in Blüthe zu bringen und der Benvenuto Cellini Frankreichs zu werden".

Du hast eS errathen", rief Vivonne in einem An­fluge künstlerischer Begeisterung".

Mein Pflegevater brachte mich in die Lehre bei Jo­hann Baptist Chouquet, einen der reichsten und beschäf­tigtsten Goldarbeiter von Paris. Das war ein guter Eintritt, denn Chouquet war ein in seinem Fache sehr ge­schickter und gebildeter Mann. Ich befleißigte mich auS allen Kräften meines neuen Geschäftes und machte rasche Fortschritte. Diese erstaunten und interessirten mei­nen Meister so sehr, daß er meine Lehrzeit abkürzte und mich zum Arbeiter machte. Arbeiter, daS ist ein schöner Titel; aber er genügte meinem Ehrgeize noch nicht; ich verdoppelte meine Anstrengung und nach Verlauf von 2 Jahren wurde ich erster Arbeiter, Werkmeister; ich befahl allen andern, ich war das alter ego meines Meisters, dem die Anzahl und die Art seiner ausgedehnten Ge­schäftsverbindungen nicht mehr erlaubten über daS rein Materielle seines glänzenden und wohlhabenden Hauses zu wachen."

Alle meine Wünsche waren erfüllt; ich verdiente anständig und ehrlich mein Brod, ich war nicht mehr meinem theuren und verehrten Pflegevater zur Last; ich war geliebt von meinen Kameraden und von meinem Meister geachtet; mit einem Wort, ich wäre ?er Glücklichste der Sterblichen gewesen, wenn nicht eine thörichte Liebe sich meines Herzens bemächtigt hätte".

Der Herzog von Vivonne lächelte. Philipp erröthete und zögerte, mit feiner Erzählung fortzufahren, als ihm der Admiral sagte:Wir kennen das, ich bin auS einer Familie, wo man die Liebe pflegt, und wo es ebenso viel Leidenschaft für die schönen Augen, als Leidenschaft für hen Ruhm gibt".