Athemholen und Ausdauer, Portamento und Koloratur, die Regel des Trillers und der Appoggiatur, Vokalisa- tion, Recitation, und als zweiter Theil die Erscheinun« gen des Vortrags, den doch keine Schule zu lehren im Stande ist. In wenigen Folio-Seiten sind diese Lehren erschöpft, und der Autor kann sein Werk nun getrost mit Skalen und Solfeggien füllen, bei welchem Studium nur der mit einer Hünenbrust Begabte seine Rechnung findet, der Schwächliche aber zu Grunde geht, und zwar noch vor dem Ausrollen des verhângnißvollen Schleiers, der ihm die Mysterien birgt. Hier ist also Gründlichkeit einer Schule, von wenigem oder gar keinem geistigen Prinzip belebt, da unausgebildetes Talent, dort jenes unreife Etwas, das zwischen Beiden ein klägliches Po- lypen-Dasein hinträumt .... von durchgreifendem Genie, das alle Jahrhunderte nur einmal wie die Aloe blüht, kann hier keine Rede sein!.. . . Dazu die Oberflächlichkeit und UeberschätzungSmanier unserer Zeit, der an Verzweiflung gränzende Zustand unserer Bühnenanstalten, die sich einander selbst zwingen, aus grünem Holz Flöten zu schneiden, oder ihre goldenen Angelruthen nur zu oft nach embryonischen Erscheinungen auszuwerfen — — und so ist die Durchschnittslinie gezogen, die wie ein rother Faden durch daS ganze Takelwerk unseres Opernwesens in Deutschland läuft, und nur mit wenig Sil- berfäden durchwirkt ist. Vielleicht habe ich mich von meinem Thema unwillkürlich entfernt, dennoch hängt dieser Appendix mit demselbem zusammen, wie ein Nebenzweig mit dem Hauptstamme. Um aber wieder darauf zurück zu kommen, so singt z. B. Madame Z. heute die Norma. Bis zu Madame A. hinauf ist uns schon dieser Genuß geworden, und multiplizirt sich daS ganze Alphabet mit sich selbst. Die wenigen Ausnahmen von der Regel reichen für die Kritik nicht hin, n e u zu sein , da Madame Z. in der Hauptsache allen ihren Vorgängerinnen gleicht; und trotz der vielen Prädikate, die unS die deutsche Sprache bietet, muß man sich doch zersinnen, die verbrauchten Metaphern von: Mangel oder Dasein an poetischer Auffassung, an geistigem Prinzip, an vollendeter oder lückenhafter Technik, von Naturalismus, Routine oder gediegener Schulbildung rc. dafür zu erfin- den. Klare Dinge wie sie sind, durch klare Worte zu benennen (natürlich haben wir den sogenannten Koryphäen im Auge, denn bei den Untergeordneten machen wir weniger Umstände) z. B. T. sang geschmacklos, schlecht, hat kein Talent, keinen Takt, macht Bockstriller, oder zu viel Schnörkel; oder: U. schreit, hat keine Stimme mehr, dis- tonirt, tremolirt rc. Dieses liegt schon längst aus dem Bereiche deS kritischen Wörterbuchs, obgleich man in den
Benennungen: ausgezeichnet, vortrefflich, klassisch, himm, lisch rc. einen solchen LaconismuS schon verzeiht. Möchten doch alle Kritiker im Interesse der Kunst, wie au? Achtung für den Künstler einen Pakt unter sich selbst abschließen, die Sache so zu bezeichnen, wie sie ist, dabei in möglichster Kürze den Nagel aus den Kopf zu treffen, und Ansichten zu entwickeln, die sich nur auf Kunstgesetzt gründen. Vielleicht erwerben sich Beurtheilungen in solchem Sinne geschrieben, bei dem Publikum das Zutrauen, daß es ohne Umschweife zur Erkenntniß seiner Interessen gelange, und vielleicht erkennt der Künstler, daß er sich durch unbedingtes Lob nur dem Mißtrauen und de« Zweifel ausgesetzt sieht. Unmöglich kann die Göttin mit der Sonne auf der Brust auch mit den Symbolen ewig lächelnder Grazien geschmückt sein!
Miszellen.
(Seidenzucht in Frankreich.) Die mächtige Bewegung, welche die Seidenkultur in Frankreich ergriffen W breitet sich dort unter allen Formen aus. Die Maulbeerxsl»»- zungen werden zu 20 bis 30,000 Stück auf einem Feld angelegt Während im Jahre 1835 etwa 30 Departements denMaulbeki- baum pflanzten, ist diese Kultur jetzt in 78 Departements verbreitet. Ohne eine Masse von einzelnen Bemerkungen (in 3!^ tungen), Memoiren und Broschüren zu rechnen, kann man seit 15 Jahren wenigstens 25 Werke aufzählen, die ganz speziell der Seidenzucht gewidmet sind. Die Industrie ist auf allen Punkte» thätig. Zwei periodische Blätter: „Annalen der Gesellschaft für Seidenzucht" und „Der Verbreiter der Seidenindustrie", erhalten jährlich eine größere Verbreitung; in ihnen legen die te- deutensten Kenner und Züchter ihre Ansichten und Erfahrung nieder.
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Aus Berlin. Floto w's neue Oper: „Die Großfürstin^ wird am 19. d., mit den besten Kräften der königl. Oper besetzt, zu« ersten Male gegeben. Der Komponist leitet die Proben fe!^' Meyerbeer, kürzlich vom österreichischen Kaiser zum Ritter des Franz-Joseph-Ordens ernannt, ist wieder von Paris hier eingetroffen. Von dem überaus produkttven P u t l i tz ist kürzlich im Schauspielhause abermals ein neues einaktiges LuWrcl „Seine Frau", gegeben worden. Es ist recht unterhaltend, wem auch flüchtig gearbeitet. Ein weiteres: „Die Gesandt!» in dtt Heimat oder Knüpfen und Lösen", das Putlitz in Paris, i”5 er sich jetzt aufhält, vollendet hat, steht zur Aufführung bereit.-" Die Geschwister N e'r u d a begeben sich von hier nach Petersburg
Verantwortlicher Redakteur: Dr. A. Boczek-
Druck und Verlag der L» Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wie s d ad en.
