Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — JVâ S73.
Die Galeere -es Herzogs von Vivonne
Novelle aus dem Französischen von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
DaS Gestândniß.
Vivonne wurde von den Mesfiniensern als ein un, geduldig erwarteter Befreier empfangen. Der Adel, die Geistlichkeit, die Bürgerschaft beeilten sich, den Tri, but ihrer Dankbarkeit und Bewunderung zu den Füßen des Repräsentanten Frankreichs und Ludwigs XIV. nie* derzulegen. DaS Volk blieb den Bemühungen nationaler Erkenntlichkeit nicht fremd und nahm die französischen Sol, daten und Matrosen als Freunde und Brüder auf. Eine prachtvolle Illumination, ein Feuerwerk, daS man in Italien so gut zu machen versteht, ausgelassene Tänze, die an diejenigen der Daktylen und Corybanten unter den Oelbâumen Creta's erinnerten, bezeichneten diesen denkwürdigen Tag.
An dem Skavthause bemerkte man einen riesigen Transparent, auf dem man in feurigen Zügen daS Wort: Libertas!! las ; darunter befand sich daS Bildniß Lud, Wig XIV. mit den Attributen des Herkules , Spanien niederwerfend, webst den Virgilischen Versen r Deus nobis haec otia fecit. Eine rührende und geistreiche Schmei« chelei eines Volkes, das ;auf diese Weise durch seine Dankbarkeit die Schätze und daS Blut, welche soeben Frankreich zur Gründung seiner Unabhängigkeit geopfert hatte, edelmüthig erstattete.
Vivonne und seine Offiziere wurden in dem herrlichen Palast der alten Vizekönige Messina's, einem Monu- mente von Marmor und Erz, Alabaster und Gold, Por- Phyr und Bronze, einquartiert; dieser Palast war eines der Wunderwerke des neuen Italiens. RafaelS, Titian'S, Albani'S, Carracci'S und Correggio'S Meisterwerke waren allenthalben darin aufgestellt; köstliche Gärten die bald
an die schattigen Haine TiburnumS, bald an die malerischen Landschaften Salona'S und Caprea's erinnerten, und sich bis an das Ufer deS Meeres erstreckten, schienen den Siegern die Herrlichkeiten eines neuen Capua zu bieten. Vivonne, so wenig alS Hannibal, wußte sich gegen die süßen und wollüstigen Vergnügungen, die der Sieg verleiht, zu verwahren. Abgott des messinischen Volkes, dessen Geschmack er durch seine Freigebigkeit und seine Pracht schmeichelte, geliebt von den Frauen, die er durch die Feinheit seiner Manieren und die Anmuth seines Geistes und seiner Sprache gewann, verbrachte er die Zeit in Festlichkeiten, Spielen und Gastmahlen, welcher besser zur Befestigung seiner Eroberung und zur Versicherung des Einflusses Frankreichs auf ein, das Neue so sehr liebende Volk, das ebensobald seiner Tyrannen als seiner Befreier müde wird, angewendet haben würde.
Indeß, obgleich trunken von Liebe, Huldigung, Musik und Poesie, vergaß Vivonne 'des Mannes nicht, der in der Stunde der Gefahr seine Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt hatte. An demselben Tage wollte er die Tapferkeit belohnen und die Feigheit bestrafen; er ließ Philipp Asselin und den Marquis von Allainvall rufen.
Beide erschienen vor dem Herzog; von Allainvall strahlend in Stickereien, mit stolzer Stirne, wie alle Helden deS andern Tages, alle Schmarotzer beim Siegesmahle ; Philipp Asselin, wie alle Männer von Herz, mit einer stolzen und zugleich bescheidenen Haltung,, mir dem Lächeln, das der tapferen Jugend und dem ruhigen und reinen Bewußtsein so wohl ansteht.
„Herr Marquis", sagte Vivonne, sich an v. Allainvall wendend, „die Früchte und Freuden des Triumphes können nicht von Allen gleichmäßig genossen werden, — daS wäre eine Ungerechtigkeit, — verstehen Sie mich? Es sind nun drei Tage, daß Sie in Messina sind, und da — vielleicht mehr als meine tapfersten Matrosen —
