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J Karl Ludwig Sands letzte Tage.

AuS seinem Tagebuche mitgetheilt von S. K.

(Schluß.)

Der Zug langte an. Als er das Schaffst erblickte, lächelte er sanft. Beim AuSsteigen aus der Kalesche sagte er: „Bis hierher hat mich Gott gestärkt", und „dieß also ist der Ort wo ich sterben werde"; als ihm der Oberzuchtmeister und der Zuchtmeister die Stufen des EchaffotS hinaufhoben. Er trat, obgleich gestützt, rasch auf dasselbe, und vernahm die nochmalige Verlesung seines Urtheils stehend, wie er ausdrücklich wollte. Hie­rauf trat er an di« Seite, überblickend noch einmal die von der Natur neugeschmückte Gegend und die versam­melte Menge, und soll unter ander« die Worte: „meine Hoffnung auf Gott steht fest" laut gesprochen haben. Dann schwieg er einige Augenblicke, riß das Tuch, mit dem er seine Wunde bedeckt hatte, weg, und warf es mit verbissenem Schmerz zu Boden, hob seine rechte Hand wie zum Schwur gen Himmel, setzte sich auf den Stuhl und faltete betend die Hände mit den Worten: „Ich sterbe in der Kraft meines Gottes!" Die Augen wurden ihm verbunden, ob er es gleich, als unnöihig, nicht wünschte, und mit dem Schlage halb 6 Uhr endigte das Schwert sein Leben. Sein letzter Seufzer war: „Gott, Du hast mich in Gnaden angenommen!"

Um ihn wegen seiner Wunde nicht zu viel Schmerz zu machen, war er auf den Stuhl nicht fest genug ge­bunden worden, und dies war die Ursache, daß sein Haupt, obgleich vom Rumpfe getrennt, doch noch an die steischigen Theilen des vorder» HalseS hängen blieb. Ein zweiter Streich löste eS vollends ab, allein der in der Bestürzung ohne Zweifel zu heftige Hieb trieb daS Schwert nun auch noch tief bis zum Knochen in den Schenkel.

Sein Haupt und Körper wurde, in einem Sarg ver­schlossen, unter Bedeckung nach dem vorigen Orte zurück­gebracht, und von da, in denselben Kleidern, in welchen et starb, um 12 Uhr deS NachtS in dem benachbarten lutherischen Todtenhofe, unter Begleitung mehrerer Per­sonen, nach dem gewöhnlichen Gebete eingesenkt, und so» bann die Stelle mit den ausgehobenen Rasenstücken wie­der überdeckt und eben gemacht.

Kaum war daS Schaffst frei, als sich viele der An­wesenden auf dasselbe stürzten, ihre Taschentücher in sein Blut zu tauchen, oder Splitter von dem Gerüste mit feinem Blut gefärbt, oder Locken von seinen Haaren zu "halten. Vor dem Angesichte der noch versammelten 3uschauer setzte sich ein Auswärtiger auf den Richtstuhl bahnte sich mit demselben einen Weg durch die staunende Menge, setzte sich dann in einen bereit stehenden Wagen und eilte im Galopp davon. Die Kalesche, worin der

Unglückliche zum Richtplatz gebracht worden war, und welche, weil kein Mannheimer Lohnkutscher seinen Wagen hatte hergeben wollen, von der schlechtesten Beschaffenheit war, ist für 300 fl. verkauft worden.

So sprach sich auf alle Weise die Theilnahme auS, welche man dem Unglücklichen zu schenken, sich nicht ent-' halten konnte. Er wollte nur GuteS mit bestem Willen, und war bereit, dafür sein Leben zu opfern, darum konnte man ihn achten und lieben; daß er dennoch ein Verbre­chen begangen, lag in dem unglücklichen Irrthum , in welchem er befangen war. Wer aber möchte in seinem Herzen einem Irrenden nicht gerne verzeihen, wer nicht Mitleid fühlen, wenn nach nothwendigen Gesetzen der Gesellschaft die verwirkte Strafe streng an ihm vollzogen werden mußte?

Sein Verbrechen ist nun gebüßt; Sand, der Ver­brecher ist nicht mehr; aber Sand, der edle und un­glückliche Jüngling wird noch lange leben in vieler An, gedenken.

Die Rachel in Berlin.

(Fortsetzung )

DaS Urtheil dieses gewissen Kritikers lautet:

Rachel ist eine Person von Anlage und Beruf. ES fehlt ihr nicht an jenen Anschauungen, jener Begabung, die zur wahrhaften Kunstleistung führt. Auch ist keines­wegs Alles, was sie gibt, Angelerntes, sie kann auS sich herauSschaffen, und sie hat Vieles geschaffen. Aber selten ist ein begabtes Wesen so auf Irrwege gerathen. Oder vielmehr, eS ist kein Irrweg mehr, sondern ein entschie­dener, mit Bewußtsein eingeschlagener Weg, der geradezu aus der Kunst herausführt. Das ist aber bei ihr nichts Besonderes, sondern sie ist nur daS vollendestc Gepräge jener allgemeinen Verirrung, die uns mit Riesenschritten auS der Kunst heraus der Barbarei entgegen treibt. Ehedem, unsere Großväter wollten die Kunst nur alS einen Appendix gelten lassen, um uns zur Humanität zu führen. Darauf wollte man die Kunst nur um der Kunst willen; alle Forderungen der Sitte, der Humanität, ja der Natur selbst wies man vornehm ab, weil die Kunst als Höchstes nichts außer, nichts über sich, nichts sie regulirendeS anerkennen dürfe. Dafür hat sich denn jetzt der nackte, reine Egoismus und Materialismus der Him­melstochter bemächtigt und schleppt sie mit sich wie eine Sklavin, die ihm durch ihre buhlerischen Künste Brod verdienen soll. Wirkung — nichts verlangt man als Wirkung, je rascher, desto besser. Je schneller man den Ver­dienst einsackt, um so besser die Spekulation. Denn die ökonomischen Grundsätze von ehedem sind längst in die Rumpelkammer gestellt, unsere Kunstproduktion ist nichts weiter als Spekulation.