Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen AUgem. ^
1850. — 3£ S6S.
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Die Galeere des Herzogs von Vivonne.
Novelle aus dem Französischen von Fr. Bouffier.
Ein Akt öffentlicher Justiz.
Die Brücke Saint-Michel war im 17. Jahrhundert der Rialto von Paris. Weder an Originalität in der der Bauart der Häuser, mit denen sie bedeckt war, noch an Reichthum ihrer Kaufläden, stand sie jener berühmten Brücke Venedigs nach; beides war hier so überraschend wie dort. Sie verband die damals wichtigsten Quartiere der Stadt, das UniversitätS- und daS Palais-Viertel die Mittelpunkte der Wissenschaften und der Justiz. Goldarbeiter, Juveliere und Meßgewandmacher waren größten« theils die Inhaber der Kaufläden der Brücke Saint-Michel and man erblickte in diesen hinter den Fenstern von böhmischem Glaö Gold, Silber und kostbare, geschliffene! Steine, je nach den Bedürfnissen der Mode und den Zeremonien der Kirche geformt. Mehr als ein Nebenbuhler Benvenuto Cellini's legte in diesem beständigen Bazar Becher, Tabaksdosen, Reliquienbehälter und wundervolle ziselirte Service zur Schau aus, die alle keinen anderen Fehler hatten, als daß sie von französischen Händen gemacht waren. Denn so wie bei uns Deutschen eine gewisse Vorliebe für daS Fremde den Werth vaterländischer Arbeiten oft ganz übersehen läßt, so haben auch damals schon seit dem 15. Jahrhundert in Frankreich die Italiener, die Spanier, die Flamänder und die Englân- m den Künsten sowohl, als in den Wissenschaften sich der Sympathien dieser leichtsinnigen Nation bemächtigt.
ES war am 3. März 1672, als ein Kommissär des ^hatelot, zwei Controleure der Münze und der Syndikus Goldarbeiterzunft, von einigen Sergeanten der Zwölfe feitet , in den Hauptgoldladen der Brücke Saint-Michel "»traten. Dieser gerichtliche Akt hatte daö ganze Viertel
in Bewegung gesetzt; Jeder stand in seiner Thüre, und die Komentare, die Voraussetzungen und Vermuthungen flogen von Schwelle zu Schwelle.
„Nun"? sagte der Eine, Goldarbeiter seiner Profession, „hat unser reicher Kollege Chouquet das Mannheimer Gold*) in Frankreich einführen wollen"? oder hat das feuervergoldete Silberservice, welches er vor einigen Monaten der Frau Marquise von Monteöpan gemacht hat, dem Könige zu leicht geschienen"?
„Ich habe immer gedacht" , bemerkte ein alter Meßgewandmacher , welcher der Nestor und das Orakel der Brücke Saint-Michel war, „ich habe immer gedacht, daß Herr Chouquet zu rasch zu Vermögen gekommen ist, als daß sich nicht ein garstiger Betrug in den Karten finden lasse. ES sind nun schon über 40 Jahre, daß ich arbeite, und noch bin ich weit davon entfernt, reich zu ft in. Herr Chouquet indeß, kaum seit 25 Jahren etaVinl, führt heute schon ein großes Herrenleben und treibt einen bis hieher fast ungekunnten Aufwand; es steckt ein Geheimniß dahinter, und wie es scheint, will die Justiz darüber ins Klare kommen".
„Mein lieber Herr Godard", erwiderte eine dicke Juwelenhändlerin, die schon Wittwe des dritten Mannes war und in dem Viertel dafür galt, mehr mit ihren Wittwenschaften als mit ihrem Handel gewonnen zu ha-
*) Das Mannheimer Gold war eine grobe Misch! irg von Kupfer, Gold und Silber. Unter der Regierung Lnowig XIV. brachte ein Deutscher, Isaak Fortmann, dasselbe in Mode, indem er sehr schöne Tabatieren daraus verfertigte, die er dann zu einem mäßigen Preis abließ. Aber das Metall und der deutsche Arbeiter waren verloren, als eines Tages Ludwig zu Frau von MvnteSpan, die ihm ein schönes Halzgeschmeide zeigte, das sie von I. Fortmann erstanden, sagte: „Madame, erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, sich nicht mit diesen Sachen oF;.e Werth zu schmücken", und man kam zum Peruaner Golde und zu französischen Arbeitern zurück.
