Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 251
Das Paradies und die Peri*) von Thomas Moore. Deutsch von G. C. Dieffenbach.
Vor Edens Thor im Morgenprangen Stand eine Peri schmerzumfangen.
Und als sie lauscht den Lebensquellen, Die drinnen melodisch rieselnd springen,
Als durch halboffne Pforte schwellen Die Strahlen um die weißen Schwingen, — Da weint sie, daß aus diesem Land Ihr sündiges Geschlecht verbannt.
„Wie glücklich, — so rief dieß Kind der Lust, — „Die seligen Geister wallen im Dust, „Unter Blumen, die nimmer verwelkend blüh'n! „Sind mein auch die Gärten der Erd' und der Fluthen, „Und bieten selbst Sterne mir Blumen voll Gluthen, — „Es leuchte! doch schöner des Himmels Blüh'n!
„Wenn im schattigen Kaschmir auch glanzumzogen „Um Platanen-Jnseln schwellen die Wogen
„Und lieblich dort rauschet der Wasserfall; — „Ob schon auch Sing-Su-HayS leuchtende Wellen, „Ob Ströme voll Gold auch dort niederschwellen, — **) „Doch, o! nur der Selige weiß eS, — die Quellen „DeS Himmels überstrahlen sie all!
„Geh', schwing dich im Fluge von Stern zu Stern, „Von Welt zu leuchtender Welt, so fern „Sich breitet des Weltalls flammender Ball; — „Ja, nimm aller Welten Seligkeiten „Und fühle sie alle durch endlose Zeiten, — „Eine Himmelsminute wiegt mehr, als sie all!" —
*) Die Peris sind in der indischen Mythologie schöne Geister der Lust, die von Wohlgerüchen leben und die schönsten Gauen der Erde durchfliegen, weil ihre Sünden sie aus dem Paradiese ausschließen.
„Der Altan Kol oder goldne Strom von Thibet, der in die See'n von Sing -Su- Hay fließt, hat Ueberfluß an Gold in seinem Sande; mit der Einsammlung desselben beschäftigen sich He Bewohner Thibets den ganzen Sommer."
Der Engel, welcher glanzumfangen
Zur Hut am Thor des Lichtes stand, Sah ihre Thrân' auf schönen Wangen, Und als er, lauschend hingewandt, Gehört den düsteren Gesang, Eine leichte Thräne in's Ang' ihm sprang, Wie ein Tropfen aus Edens strahlender Quelle, Der leuchtet in der Blüte, der blauen, Die, wie Braminen künden, helle Nur prangt in Edens Strahlenauen.
„Dn Mädchen, schön, doch voll von Schuld, So sprach der Engel drauf mit Huld, „Ein Hoffen noch ist dir geblieben;
„Im Schicksalsbnche steht geschrieben: „Begnadigt soll die Peri wallen, „Die hier, zu diesem ew'gen Thor „Die beste Gabe bringt empor, „D e m Himmel angenehm vor allen! „Geh', — suche, — sühne deine Sünden, — „Süß ist es Gnade zu verkünden"! '
Eilend, wie Kometen flieh'n, Sonn' umarmend Kreise zieh'n, Schneller als der Sternenbrand Niederfliegt aus Engelshand
Auf die Geister in der Nacht,
Die voll Kühnheit, wuthentfacht Stürmen nach des Himmels Pracht, *) Fliegt die Peri rasch durch Himmelsblau; — Erdwärts getragen durch das Licht, Das aus des Morgens Ange bricht, — Schwebt sie bald ob weiter Au!
(Fortsetzung folgt.)
*) „Die Muhamedaner halten die Sternschnuppen für Feuerbrände,
womit die guten Engel die bösen vertreiben, wenn diese dem Empyräum oder der Himmelsgränze zu nahe kommen".
