Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. —
M S3S.
O Der Tambour von Wagram.
(Fortsetzung.)
Napoleon blieb dann vor Romeuf stehen, dessen Haltung und Aussehen ihn zu interessiren schien.
Napoleon heftete seinen Blick auf die Brust des Tambours, wo das Zeichen des Muthes glänzte.
bin sicher, der hat es wohl verdient. Wie viel Dienstjahre?"
„Acht und zwanzig!"
„Wie, acht und zwanzig !" rief Napoleon, daS junge Aussehen des Tambours betrachtend, „Du bist kaum fünf und zwanzig Jahre alt."
„Es ist wahr, mein Kaiser, doch Sie wissen ja, daß die KriegSjahre doppelt zählen, obgleich es deren gibt, welche für drei zählen sollten, nach meiner Manier die Sache anzusehen."
„Wann bist Du in meine Garde getreten?"
„Vor ihrer Schöpfung, mein Kaiser."
"„Ich verstehe, Du warst schon in der Konsulargarde ?"
„Ja, mein Kaiser."
„Bei welcher Affaire dekorirt?"
„Bei der Affaire des großen Brandes des Lagers von Boulogne."
„Ah l Du nennst das einen Brand."
„Mein Kaiser, das ist meine Art, das Ding zu betrachten."
„DaS ist ein origineller Mensch," sagte Napoleon zu seinen Offizieren. „Wie kommt eS, daß ich niemals diesen Schlingel kennen gelernt? Dein Name?"
„Mein Kaiser, ich bin Raymund Romeuf, genannt Rossignolet, gebürtig aus Revourdie, Departement des Rhone."
„DaS ist etwas Anderes; ich kenne Dich gar nicht."
„Oh, verzeihen Sie, mein Kaiser, Sie kennen mich hinlänglich; ich habe schwimmend die Brücke bei Arcole passirt, welche die Ocsterreicher etwas beschädigt hatten. Zum Beweise dessen haben Sie selbst mir daS Zertifikat gegeben, welches ich in der Tasche habe. Dort unten in Egypten bin ich ebenfalls unter den Ersten in Aleran- drien eingedrungen, wobei mein Tschako ganz von Kugeln durchlöchert wurde . . . ferner habe ich, wie Sie wohl wissen . . ."
,-Genug," unterbrach Napoleon ungeduldig, „ich erinnere mich dessen nicht. Doch einerlei, ich werde an Dich denken."
Napoleon kehrte zum Balafre zurück, zu dem er mit Güte sagte;
Hast Du nichts von mir zu erbitten, mein tapferer Alter?"
„Für den Angenblick nicht, Sire, doch später . . ♦ eine Kugel oder einen kleinen Platz unter den Invaliden . . ."
„Doch so spät als möglich", erwiederte Napoleon. Dann, schnell zu Pferde steigend, sagte er:
„Nun denn, auf Wiedersehen."
„Es lebe der Kaiser!" schallte eS allgemein.
Diesmal schlug Romeuf den Marsch.
Doch bald entzogen Staubwolken Napoleon und seine Begleiter, welche im Galopp nach Bellevue hin sich entfernten, den Blöcken des kleinen Postens.
III.
Folgen d e s E n t h u s i a S in u S.
Alö die Soldaten sich in die Wachtstube zurückbegeben hatten, unterhielten sie sich nur noch von diesem Besuche deS Kaisers, der sich gern unter seinen Schlacht- gefährten (eben lieg, um ihre Bedürfnisse kennen zu lernen. Dle offene Freimüthigkeit und die naive Vertraulichkeit
