Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ZIF SSr.
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Madame Laure.
(Fortsetzung.)
Man kann sich nun ihren Aerger und ihre Wuth denken, als sie erfuhr, er habe sie lächerlich gefunden. Sie, lächerlich! Großer Gott, sie lächerlich! der Stolz, die Heldin des Nordens! Und sie hatte diesen Menschen, der sie mit einer Wahnsinnigen verglich, lieben, sie hatte ihn können ahnen lassen, daß sie ihn liebe? Sie hatte ihm ein ausgezeichnetes Merkmal, wie sehr sie ihn vor, ziehe, dadurch gegeben, daß sie ihn unter Tausenden zu ihrem Grafen Esser auswählte, und dieser Elende hatte sich nicht entblödet, sich vor ihr mit seiner Lady Sidney zu zeigen, und sie inmitten ihres Hofes mit dieser Dame aufzuziehen"?
„Ihr Unglücklichen, ihr seid wahnsinnig!" schrie sie, indem sie den gesandtschaftlichen Bericht in ihren Händen zerknitterte. Dann warf sie einen fürchterlichen Blick auf daS Bildniß der Madame Laure, gleichsam als ob sie von dem nämlichen Gegenstände ein Mittel, sich zu rächen, begehrte, von dem Bilde, daS ihr die traurige Ueberzeugung verschafft hatte, wie schwer sie beleidigt Torben sei.
„O!" sprach sie zu sich, mit vor Wuth erstickter Stimme: „wie kann ich diesem Fremden die mir ange, ihane Schmach vergelten! wie den Todesstoß rächen, den diese Treulosen mir gegeben, und den sie unter einer Schmeichelei verbergen zu können vermeinten?"
Jetzt bemerkte sie eine Nachschrift in der unheilvollen Depesche, die sie vorhin übersehen hatte. Man schrieb da noch Folgendes: „So unschuldig auch der Wahnsinn der Madame Laure an und für sich ist, so stellt sie doch sehr eigensinnige Königin dar, indem sie von den Königlichen Tugenden die Gnade ganz ausschließt, und ^ren Unterthanen lediglich Gerechtigkeit widerfahren läßt."
„Nun wohlan!" sprach Christine, „so will ich denn die Rolle dieser Närrin, der ich ähneln soll, bis an'S Ende durchführen und ohne Erbarmen Diejenigen stra, fen, die mich lächerlich finden!"
Den ganzen Tag brachte die Königin von Schweden damit hin, eine Züchtigung für Harcourt zu ersinnen, aber kein Plan schien ihr sicher und schnell genug zum Ziele zu führen; denn vorzüglich wollte sie die beleidigte Liebe rächen. Die Empörung, die sie hegte, gab ihr die grausamsten Maßregeln an die Hand, und wenig fehlte, so hätte sie den Grafen auf der Stelle verhaften lassen. Indeß die Nacht, diese weise Rathgeberin, veränderte alle ihre Entwürfe. Hatte sich nun ihr Zorn, wie eS starken und edlen Seelen oft zu gehen pflegt, in seiner eigenen Heftigkeit erstickt, oder wollte sie um jeden Preis es dahin bringen, daß der Gegenstand ihrer Liebe die Leidenschaft theilen sollte, von der sie sich selbst nicht heilen konnte, und glaubte, die Großmuth führe sie am sichersten diesem Ziele entgegen; kurz, sie erwachte mit dem Entschlusse, zu verzeihen, wie sie mit dem Vorsatz zu strafen eingeschlafen war, und daS Erste, womit sie ihr Tagewerk begann, bestand darin, daß sie Harcourt daS Patent als Obristlleutenant ihrer Garde zuschickte, ungeachtet derselbe bis hierher erst den Rang eines Ka- pitainS gehabt hatte.
Der Graf war schon im Begriff, Stockholm zu verlassen , als ihn diese überraschende Neuigkeit erreichte. Ebenso erstaunt als bestürzt, mischten sich in daS Gefühl des Dankes gegen seine Wohlthäterin die Vorwürfe, die er sich über sein Betragen machte. Er kam sich selbst so unendlich kleinlich vor, alS die Königin, ihm gegenüber, ihm erhaben schien; denn er konnte sich die Befürchtung nicht ableugnen, ob nicht die Königin über den eigentlichen Sinn seines Scherzes belehrt worden sein möchte, ungeachtet der schmeichelhaften Erklä-
