* Der Wanderer.
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elletristifches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
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1850. — JV» 190.
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Der Heimathlose
(Fortsetzung.)
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I DaS Keßlerwitteli, hinter schroffen Felsen versteckt, [nur auf schwer zu findenden Fußwegen zugänglich. M wenigen ist der Ort bekannt und von den meisten Iser wenigen wird er sorgfältig gemieden, denn eS gehen tat böse Geister um und in der JohanniSnacht tanzen ^selbst die Heren, wie die Alten sagen, welche noch am
.. Mauben festhalten. Es ist eine kleine, sanft gegen Sü- in^M geneigte Fläche, hinten an eine nähe Fluth gelehnt, oeSs-Mè und rechts von dichtem Wald und Strauch ge» OUlMM, nach vorn vom wild zerklüfteten, fast senkrechten Wang te5 BergeS begrenzt. Einige uralte Schirmtan» w Iteljen Darauf, hie und dort wuchert duftender Hol- Wer und nirgends blüht schöner die dunkelblaue Gen» M und die goldgelbe Aurikel.
L $ei laute Jubel wollte kein Ende nehmen, als des Wtthansen unversehens aus dem Walde traten. Es „M aber auch eine schöne Gesellschaft, die sich hier zu- c be^Mmgefunden hatte; da waren der Schleifertoni und ^rattenrouDi, beide Naglerhansens Schwäger, dann Ilnglichafper und der krumm' Heiri, jeder mit seinen
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Unter einer der Schirmtannen brannte daS wohlge- rte Lagerfeuer und über demselben hing ein Kessel, in em Schinken, Speck und Würste brodelten. Dane- Awaren einige junge „Gojen" *) emsig beschäftigt, Ui Küchlein in der zischenden Butter zu backen, die ^ann auf dem grünen Rasen hoch austhürmten. Am standen Kaffeekannen und Milchtöpfe und im Rotten unter dem Gesträuch eine schöne Anzahl Schnaps» en’ Während die Alten um daö Feuer gelagert L^ten, schwazten und ihre halbverkohlten Ulmer« j ^W, Weiber.
pfeifen schmauchten, saßen unter einer andern Tanne der ’ blinde Geigerlipp und die Hackbrettliese und spielten ihre ; besten Tänze auf, nach denen ein halbdutzend Paare junger Stromer *) und schlanker Schicksen **) sich drehten.
i Kein fremdes Auge mochte das wilde Völklein hier besau# ; scheu, kein fremdes Ohr es behorchen. Deßhalb ließ^eS ' feiner Lust die Zügel schießen. Flasche nach Flasche leerte 'sich; immer lauter lachten die Alten, die am Feuer sich ; streckten, immer rascher drehten sich die Jungen im Tanz, und wilder und wilder erklangen Geige und Hackbrett ; unter dem dunkeln Dach der alten Schirmtanne hervor.
In ihrem üppigen Uebermuth küchelten die Buben und Mädchen Hollunderzweige in der geschmolzenen Butter, um sie dann wieder an den Stauden in die Höhe schnel, len zu lassen, laut aufjubelnd, wenn deS Geigerlipps Führer, der widerborstige Semir, lüstern nach den fetten Bissen emporsprang. — An der allgemeinen Freude nahm allein der alte Lienhard nicht Theil. Als er seinen Hunger gestillt hatte, ging er in den einsamen Wald. Später konnte man ihn auf einem hohen Felskopf erblicken, steif und gerade dastehend, einer schildernden Schildwache gleich und unverwandt hinunterschauend in die grauen Nebel deS Thales.
Wenn die Sonne hinabsinkt in ihr gluthrotheS Bett, da verstummen sonst Schlucht und Wald. Die Amsel hält inne mit ihrem schmetternden Lieb und sucht ihr La- gcr im dunkeln Tannendickicht, der Guckuck ruft nicht mehr und zuletzt schweigen sogar die wilden Tauben auf den höchsten Gipfeln. Aber auf dem Keßlerwitteli schien der Lust deS Tages eine noch wildere Nacht folgen zu sollen. Schon versagte diesem und jenem Zecher am Feuer die Zunge den Dienst, und mit wildleuchtenden Augen umschlangen die tanzenden Bursche ihre Dirnen. Da ließ
*) „Stromer", Laudstreicher.
**) „Schickse", Dirne.
