Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — M 179.
Edelmann und Bauer.
tri(j ' Novelle nach A. Achard.
(Fortsetzung)
So verschwand Stunde auf Stunde. Gegen Mit- big aber erhob sich ein dumpfes, wachsendes Geräusch von der Ebene her. Es ging erst vorüber , klang aber bald wie das Anstürmen des Meeres, daS von fern her heranwächst. Johann warf sein Gewehr über und trat dem Gärtchen. Eine feste Masse Männer, Weiber und Kinder kam über die Hügel herab in's Thal. Diese ßnstkre Menge wuchs wie eine Lawine durch alle auf den Feloern zerstreuten Arbeiter; der Eine erkannte einen erch Nunb in den Reihen, der Andere sah eine Frau, die s HWannte, und Alle, durch den bösen Geist der Nnord- ^trieben, folgten dem Strom. Viele Hunderte von Hst' Heugabeln, Pfählen und Stöcken schmückten rte è Haufen; hie und da blitzte eine Flinte. Furchtbares aro^MKrei erhob sich zuweilen aus dieser Mischung von un6 Arbeitern, die ihre Arbeitsgeräthe zu gemacht halten. Der größte Theil ging in blo- mit nackten Armen, singend, schreiend, heulend; ut iM^en auch warf ein tiefes Schweigen daS Tovtentuch diese Menge und man hörte Nichts als das Ge- ^ Tritte, die die Erde stampften. Dann plötzlich ine "" mächtiger, langer Schrei aus allen Kehlen.
Brod"! schrie der Schwarm, und alle Hände einE^Eten ihre Waffen gen Himmel. Dieser furchtbare
19 Ai#tC* ^16 ^'^ ein Donnerschlag in die Weite, schwieg, einmal zu ertönen, und die Masse von Secunde 'ââ tcun6e wachsend, bedeckte mit ihren Wogen die Ab- - d" Hügel. Das Schloß schien ihr Ziel zu sein; d^^"^ war die nächste Station.
Qlln erkannte auf den ersten Blick die Größe " efahr, Klärchen schmiegte sich bleich vor Schrecken
an seine Seite. „Nimm den Kleinen", sagte er ihr, und laus in'S Schloß; sage Herrn von Puiseur, was Du gesehen"!
Klärchen nahm daS Kind auf den Arm; zitternd warf sie sich quer durch die Felder. Johann ging in die Meierei zum Bruder.
„Anton" sagte er, ihn bei Seite ziehend, „hörst Du die heranziehenden Burschen? In fünf Minuten können sie hier sein".
„Hast Du Angst? Wir haben Niemand BöseS gethan" !
„Sie verlangen Brod ; Du wirst es ihnen geben", sagte Johann.
„Ich habe eS noch Keinem verweigert", antwortete Anton.
„Vielleicht werden sie auch Wein und Geld verlangen".
„DaS zum Beispiel werden sie nicht bekommen".
„Sie werden sich'S nehmen".
„Ich habe meine Flinte. Man soll nicht sagen, daß ich mich bestehlen lasse", sagte trotzig der Bauer.
„Gieb ihnen Alles frei; es muß lein"! rief Johann, „sie wollen auf's Schloß, halte Du sie zurück"!
Anton sah Johann an, als wollt er fragen: Und ich soll für den Schloßherrn das Opfer sein? — „Sie wollen auf's Schloß, so so"! sagte er langsam, „nun wohl, wir wollen sie zurückhallen".
Johann drückte die Hand deS Bruders, als wollt' er ihn beim Wort nehmen und zog sich durch eine Thüre zurück, die nach dem Walde führte.
Die Bauernmenge erreichte den Rand der Fläche und brach sich Bahn wie daö Meer am Ufer. „Brod, Brod"! war das wilde Geschrei. Anton ließ alle Thüren öffnen. „Wenn ihr Hunger habt, nehmt und eßt"!
Ein Theil der Menge trat in die Gehege und den
