Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^F 153.
Edelmann und Bauer.
Novelle nach A. A ch a r d. AuS der „Europa".
Mitten in Frankreich, im schönen Thalgebiet der Loire, unfern der Stadt Amboise und in der Nähe eines Dorfes, dessen Häuser zwischen Wiesen und Gebüsch verstreut liegen, erhebt sich ein Schloß, das im Lande unter dem Namen Roche-blanche bekannt ist. — Trotz seines Namens, der einen feudalen Ursprung vermuthen läßt, ist von allen Schlössern, die je ihre Dächer und Thürm- chen in den Wellen jenes Flusses wiederspiegeln, Roche- blanche daS einfachste, patriarchalische und beicheidendste. Zum Gegensatz von seinen Nachbarn, mögen sie noch stehen oder eingestürzt sein, hat Roche-blanche keine Geschichte; der gewandteste Chronikenschreiber würde in Verlegenheit kommen, um im Lande auch nur eine Tradition, das Schloß betreffend, aufzufinden. Man wußte nur, daß in der Zeit seiner Erbauung, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, sich ein großer Thurm erhob, der ehemals den Grafen von Blois gehörte, seit einem Jahrhundert unbewohnt geblieben und eines Nachts durch die Macht der Stürme und der Zeit eingestürzt war.
Roche-blanche war seit beinahe hundert Jahren das Erbgut einer adeligen Familie, die, ohne daS Land zu verlassen, allem Mißgeschick der Schreckenszeit entgangen war, In dieser Zeit bestand die Familie in einer Frau und drei Kindern, zwei Mädchen und einem Knaben, die ruhig und zurückgezogen, wie ein Nest Grasmücken im Gebüsch, in ihrem Schlosse lebten. Der Orkan war über ihren Häuptern fortgezogen, ohne sie zu treffen. Die Töchter waren herangewachsen und hatten sich mit benachbarten Gutsbesitzern verheiratet, der kleine Knabe Ivar jetzt der Herr geworden; sonst hatte sich Nichts in Mr Sitte und Gewöhnung der Schloßbewohner geändert.
DaS Hauptgebäude deS Echloss-S stand auf einem untern Stock und lief in zwe' Flügel aus, welche kleine Pavillons und Mansarden bildeten. Eine Art Terrasse, die rund um die Gebäude lief, trennte sie von einem Rasenplatz, der mit Ulmen, ESpen und Pappeln bepflanzt war. Auf einer Treppe von drei bis vier Stufen stieg man zu ihm hernieder. Dieser Rasenplatz, der sich sanft zur Loire hinunterneigte, verband das Schloß mit einem Park von hundert Morgen Landes, dessen letzte Bäume ihre Füße in'ö Wasser tauchten. Von dieser Seite her konnte der Blick den Lauf des Flusses verfolgen, der sich mit seinen Krümmungen wie eine silberne Schlange durch die Gegend windet. Zehn spitze Thürmchen durchstachen mit ihren gelben Pfeilern den grünen Ozean des Parks, und die Landschaft verschwand am Horizont in einem strahlenden Licht, in dessen Glanz sich die Umrisse der Gegend verloren. Von der Mitlagsseite her beherrschte die Faxade von Roche-blanche eine vom Pfluge stark durchfurchte Ebene, welche ein Gürtel von Wäldern be, grenzte. Durch eine schmale Oessnung des Waldes erblickte man, in mattes Licht getaucht, in der Ferne daS Thal von Cher, und eine Reihe von Hügeln, die mit Häusergruppen besäet waren.
Im Augenblick, wo unsere Erzählen hint, neigte sich der Monat September seinem Ende zu. Der Tag war schön gewesen, der Abend war still. Hinter der von Rebeln verschleierten Landschaft, wo die Loire sich träge hinter einen Vorhang von Pappeln verbarg, bezeichnete ■ eine scharlachener Streif die Gegend, wo sich die Sonne wie eine Königin in ihren Purpur hüllte.
Kleine rosenrothe Wolken verblaßten am Himmel, * wenn der Wind über sie hinfuhr; sie glichen dann dahin- : ziehenden Schwänen. Wie ein geheimnißvoller Athemzug , bewegte der kühle Zephyr der Dämmerung die zitternden Bäume und wirbelte auf die Felder einen Regen gelber
