Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. 151.

Die Briefschachtel.

Auf dem Dampfboote von Hamburg nach Harburg habe ich eine nette Geschichte erfahren; es war ein trü­ber Februartag an dem ich überfuhr; mit mir in der Kajüte war nur noch ein junger, hübsch und freundlich aussehender Mann, er sagte mir, er sei Bauführer, wie sie es nennen, Aufseher und Gehülfe bei einem der er­sten Maurermeister in der Stadt, die jetzt nach dem furchtbaren Brande so viel zu thun haben, und müsse auf einer Ziegelbrennerei in der Nähe von Harburg eine bedeutende Masse Steine und Ziegel in Empfang neh­men. Lebhaft schilderte er die Archtbaren Tage, wo das Feuer mit ungezähmter Kraft wüthete und wo die Rath- losigkeit und Schwäche der Behörden, an der gesummten Bevölkerung so Vieles verschuldete.

Mir ists aber eigen nach dem Feuer gegangen, setzte er hinzu.

Wie das?

DaS Feuer hat mir eine Braut gebracht. Ich wills Ihnen erzählen. Als die Gluth den Himmel so furcht­bar roth färbte, als die helfenden Spritzenleute matt wurden, da dachte ich wirklich nicht daran mein bischen Habseligkeiten zu bergen, ein rühriger Maurergesell half ich mit Häuser einreißen, half mit löschen. Als dann daS Feuer gedämpft war und ich hinging nach meiner Wohnung war die Straße ein Schutthaufen ich hatte nichts mehr, als daö räucherige, geschwärzte Zeug, das ich auf dem Leibe trug. Indessen reichten sie uns viel Tausend Hände zur Hülfe, von allen Seiten kam Brod, Fleisch, Kleidung für uns arme Abgebrannte. Mir gab die Unterstützungsbehörde einen langen Flaus­rock, zwei Hemden, Stiefel, ich kriegte zu essen ein Paar Tage lang und eine Schlafstelle auf dem Hambnr- ger Berge. Auch eine Schachtel hatten sie mir gegeben mit sechs Paar wollenen Strümpfen. So konnte ich

I denn die halbverbrannten Lumpen von mir werfen und ' mich ordentlich anziehen. Als ich aus der Schachtel ein Paar Strümpfe nahm, sah ich Papiere zwischen den Strümpfen liegen; ich hatte wieder Arbeit gefunden und : ging, nachdem ich mich angezogen hatte, hin zu meinem ; Meister. Ein traurig Geschäft damals das Arbeiten, denn mir dem Aufräumen des Schuttes hatten wir Tage lang zu thun, und mehr als eine Leiche fanden wir un­ter den Trümmern. Ich hätte oft weinen mögen bei der Arbeit und meinen Genossen gingS eben so, kein Lied ertönte, Jeder war still und in sich gekehrt; der Meister sagte: es ist mir, als ob wir daö alte Hamburg be­grüben !

Als ich Abends betrübt und müde nach Hause kam, fiel mir die Schachtel wieder ins Auge, in der die ge­schenkten Strümpfe lagen. Oben auf der Schachtel stand mit recht hübschen BuchstabenBriefschachtel". Ich machte sie noch mal auf, und die Papiere, die ich schon am Morgen gesehen, fielen mir wieder in die Hände. Ich freute mich, daß ich was hatte, was mich auf andere Gedanken brachte, als das ewige Denken an den Brand und an die Trümmerhaufen, in denen wir herum Wirth, schäften mußten. Arge Geheimnisse werden wohl nicht d'rin stehen, sagte ich zu mir selber, sollst es mal an- sehen. Die Schrift auf dem einen Papier war recht nett und hübsch, wie von einem Mädchen, aber alles Geschriebene war wieder durchgestrichen, ich kon»t's aber doch lesen.

Sie sollen auch hören was auf dem Papiere stand, Es gehört mit zur Geschichte. Der junge Maurer zog eine hübsche Brieftasche hervor, entfaltete ein Papier und las:

Herzlich geliebter Bruder!

Der Kamerad von Dir, der morgen wieder fortgeht nach Köln, will einen Brief an Dich mitnehmen, ach ich