Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Allgem.

1850. — ^ 149.

Das Wort des Königs.

(Fortsetzung.)

Der Marquis, welcher dem bisherigen Gespräch mit sichtbarer Aengstlichkeit gefolgt war, wartete die Frage des Königs nicht erst ab, sondern sagte: „Sire, von den hunderttausend Thalern ist der Chevalier d'Ange be­zahlt worden, sür die Wette, die er gegen Ew. Majestät gewonnen hatte, und das Uebrige habe ich als Abschlag auf die drei Hengste angenommen, die ich auS Burgund hatte kommen lassen".

„Also für eine Wette und drei Hengste"! fuhr der Connetable gegen den MarquiS auf. „Ihr seid ein vor­trefflicher Schatzmeister"!

„Ob ich das bin oder nicht", antwortete höhnisch der Marquis, „habt Ihr nicht daS Recht, zu entscheiden"!

Der Connetable biß sich in die Lippen und entgeg­nete nichts, sondern bog vor dem König ein Knie und reichte ihm sein Schwert mit den Worten: „Sire, hier ist mein Schwert zurück".

„Nein, mein Vetter, wir nehmen es nicht an", rief Karl, „denn wir können es keinem Würdigeren anver­trauen".

Der Connetable schien einen Augenblick mit sich zu Rathe zu gehen. Dann sagte er mit einem verstohlenen Blick auf den Marquis:

„Wohlan, Sire, ich will daö Schwert behalten und hoffe es noch lange zum Ruhme meines Königs und Frankreichs zu führen. Doch eine Bedingung knüpfe ich daran, die ich mir zuzugeflehen bitte".

„Gern, mein Vetter".

„Als Connetable von Frankreich", fuhr der Graf fort, „habe ich das Recht der höchsten Gerichtsbarkeit innerhalb der mir anvertrauten Provinzen, so auch in­nerhalb deö Weichbildes der Stadt Bourgeö".

„So istö".

„Erlaubt daher, mein König, daß ich von diesem Rechte Gebrauch mache und daß mir dabei Gehorsam geleistet werde, wie Euch selbst".

Karl schien einen Augenblick verlegen. Dann ver­setzte er, mit einem Seitenblick auf seinen in sichtbarer Angst schwebenden Günstling:

„ES sey, mein Vetter — doch unter einer Bedingung. Ihr bürgt mir mit Eurer Ehre für den Kopf deS Mar­quis von Giac".

„Ich stehe für sein Leben, Sire", sagte der Con« netable. Dann wandte er sich an den Marquis mit den Worten: „Herr MarquiS, Ihr seid mein Gefangener"!

* *

*

Wenige Stunden nach dem Besuche deS Connetable's beim König Karl, saß der Marquis von Giac im Ge­fängnisse von Bourges, angeklagt der Verschwendung königlicher Gelder. Dieö war wenigstens die Form, unter welcher der Connetable sich vorgesetzt hatte, an dem MarquiS Vergeltung zu üben, nicht sowohl dafür, daß er mittelbar den Abfall des Heeres verschuldet, als viel, kehr für eine Reibe von Verbrechen, die er, unterm Schutze der königlichen Gunst, schon seit langer Zeit un­gestraft auf sich geladen hatte. Der Gefangene verkannte daher keineswegs die Gefahr, in welcher er sich befand, obgleich daS Wort deS Königs, wie des Connetable's, ihm für sein Leben die genügendste Bürgschaft gewährte. Aber gibt eS nicht Strafen, welche unendlich qualvoller sind, als der Tod? Gibt es nicht Martern, die den Le- benSfaden des Menschen nicht zu zerreißen vermögen und gegen welche der Tod dennoch eine Wohlthat ist? Und auf den Schutz des schwachen leichtsinnigen Königs war nicht zu hoffen, in einer, Zeit wo der Wille des Conne­table's mehr galt, als der seines GebieterS.