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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Zeitung

1850. Jf 146

Der Letzte der Uberti.

Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.

(Fortsetzung.)

XII.

Die Katastrophe.

Kehren wir nun zu den Hauptpersonen unserer Ge­schichte zurück.

Als Teresina die ärmliche Dachstube betrat, welche Matteo bewohnte, konnte sie eine Bewegung des Stau­nens nicht unterdrücken und ein Lächeln der Zufriedenheit erschien aus ihren Lippen; sie konnte sich des Gedankens nicht enthalten, daß dieses Elend, dieses freiwillige Erik, dies einsame und isolirte Leben, daß Alles das ihr Werk sey, ebenso die frühzeitigen Runzeln auf dieser gebeugten Stirne und daS Alter, das vor der Zeit gekommen.

Mitten unter diesen Ruinen eines gebrochenen Da­seyns machte eine heimliche Bewegung des Stolzes ihr Herz beben.

Sie sagte zu sich:

Mein Weg führte kort hindurch, und hinter mir ward eS öde".

Als sie dann ihren Blick auf die Wände richtete, die mit den Erinnerungen an ihre Triumphe geziert waren, fühlte sie unwillkürlich einen eisigen Schauder durch ihre Glieder ziehen. Diese Trümmer ihren Ruhmes erinnerten sie daran, daß eS nur an ihr gelegen, glücklich zu seyn, daß damals ihr Herz noch empfänglich war für sanfte Gefühle; doch jetzt, da ihre Seele auSgetrocknet war wie jene verwelkten Blumen, blieb ihr nichts mehr alö eine gränzenlose Leere, ein unersättlicher Stolz.

Seitdem Matteo sic hatte nach Konstantinopel bringen lassen, hatte sie ihren Fuß in alle Länder gesetzt. In Wien, in Madrid, kann in London, endlich in Paris, überall wollte sie glänzen. Zu ehrgeizig, um bloße Courtisane zu seyn, hatte sie Alleö zu hoffen, Alles zu

träumen gewagt. Aber königliche Kronen sind nicht so häufig als Theaterkronen, und die Graccllini hatte, um sie aufzusuchen, fünf Jahre ihres Lebens und das Glück, welches ihr Matteo geboten, geopfert.

Fünf Jahre aus dem Leben einer jungen Frau sind ein Jahrhundert; es war also die Erfahrung eines Jahr­hunderts, das über Teresinaö Seele dahin gezogen war; aber eine Erfahrung, die brennt und verzehrt, welche das Herz auf ewig verhärtet und es den wohlthätigen Ein- flüssen der Liebe entzieht.

Glücklicherweise sind nicht alle Naturen dazu ge­macht, diesen Grad moralischer Verderbtheit zu erreichen, doch die Natur der Gracellini diese ganze Geschichte bezeugt daS-, war dazu geschaffen.

Eine verdorrte Seele, ein zerrütteter Körper, unter der Hülle einer treulosen Schönheit und eines trügeri­schen Glanzes, daS war daS Hochzeilsgeschenk, welches Herrn von Vaucel erwartete, wenn nicht plötzlich ein Gatte, den man schon lange todt glaubte, aus dem Grabe aufgestiegen wäre, um sich dieser Profanation zu widersetzen.

Teresina sah dieses Fantom vor ihrem Blicke auf­steigen und als rächendes Gespenst ihr eine Beute ent­reißen , wonach sie schon lange strebte.

Teresina war ruinirt, aber Herr von Vaucel war reich, und mit seiner Hilfe glaubte sie noch jenen Durst eines brennenden Stolzes, die einzige Leidenschaft, die sie noch besaß, löschen zu können. Ihr diese Beute ent­reißen, hieß ihr daS Leben entreißen, sie kam daher, eher zu Allem entschlossen, als sie aufzugeben.

Matteo bot Teresina einen alten Sessel. Diese setzte sich, wobei sie heimlich einen Blick auf ein Noten- Blatt warf, das auf einem alten Piano lag; sie er­kannte die Barkarole, die sie komponirt hatte und ehe­mals so oft sang.