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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. — M 143.

△ Der Letzte der Uberti.

Nach Ealonne erzählt von August Marckhoff.

(Fortsetzung.)

Eine halbe Stunde später kam die Antwort; Frau Aon Rivera erwartete die beiden Freunde.

Die schöne Fremde hatte eine reiche Wohnung in der Straße Faubourg-Saint-Honore inne. Sie empfing die beiden Besucher in ihrem Boudoir.

Herr von Vaucel stellte den Grafen Uberto mit allen gebräuchlichen Formalitäten vor; Frau von Rivera em­pfing ihren Landsmann mit der ruhigsten Miene und dem graziösesten Lächeln; sie war noch immer jene Diva, welche zu San Carlo liebte, jene Zauberin, welche zu Bela die bittersten Erinnerungen in ein Meer von Ver­gnügungen versenkte, mit einem Wort, sie war noch stets die Signora Gracellini, jene Teresina, die ungetreue Gattin deS Grafen Uberto; jene selbstvergessene Geliebte des Marquis von Courval ... — Unsere Leser werden sie bereits erkannt haben.

Ein schneller Blick hatte Frau von Rivera genügt, — da sie einmal diesen Namen angenommen, — um sich zu überzeugen, daß Matteo noch nichts gesagt habe. Sie blieb daher keinen Augenblick unentschlossen, welche Rolle sie zu spielen hatte.

„Signor Uberto, sagte sie, bei Ihnen bedurfte es nicht erst der Vorstellung durch Herrn von Vaucel, um zu mir zu gelangen".

„Sie haben Recht, Signora, erwiederte Matteo, da wir noch alte Bekannte sind; doch ist eS zu lange her, seit wir uns zuletzt sahen, als daß ich wagen sollte, mich selbst vorzustellen; Sie konnten sich meiner vielleicht nicht mehr erinnern, mein Name war Ihnen vielleicht ent­fallen . . . kurz die Bekanntschaft mußte erneuert werden,

und dazu war wohl Niemand geeigneter, als Herr von Vaucel, der bereits Rechte auf Sie hat".

Die Signora biß sich die Lippen blutig, aber ein Blick, den sie auf Alfred warf, benahm ihr alle Furcht. Alfreds Seele lag in seinen Augen.

„Was wollen Sie damit sagen" ? erwiederte die Italienerin, wobei sie sich stellte, als spiele sie mit den Goldfäden ihres Gürtelbandes.

„Oh! Nichts, Madame, was Ihrer Tugend zu nahe treten kann. Ich weiß zu gut, waS ich Ihnen verdanke, ich kenne Sie zu genau — Matteo legte auf jedes Wort besondern Nachdruck, — als daß es mir je­mals beikommen könnte, Ihr Zartgefühl zu verletzen. Herr von Vaucel, dessen Freund und Vertrauter zu seyn ich die Ehre,habe, hat mir Alles gesagt: Ihre beabsichtigte Heirat!), Ihre kürzlich eingetretene Wittwenschaft . . . und in diesem Punkte erlauben Sie mir, Ihnen hier mein Beileid auSzuvrücken . . ."

„Sie sind sehr grausam", murmelte ganz leise die junge Frau, wobei sie Matteo einen Blick voll unver­söhnlichen Haffes zuwarf.

„Ich weiß, fuhr dieser kaltblütig fort, ich weiß, daß es stets schmerzlich ist, einen Gatten zu verliere, doch hatte dieser wenigstens keine großen Ausprüche auf Ihre Trauer . . . nach dem zu urtheilen, was mir Herr von Vaucel gesagt hat".

„Herr von Vaucel hat Ihnen die Wahrheit gesagt; ist der nicht ein verächtlicher, Hassenswerther Mensch, der sich zum Tyrannen einer Frau macht, der seine Stellung dazu mißbraucht, seine Beute zu peinigen? Nennen Sie das nicht eine Feigheit, so mit einem vertheidigungSlosen Opfer zu spielen"?

„Welcher Eifer, Madame! Herr von Rivera muß in der That sehr ungerecht gegen Sie gehandelt haben, um einen so lebhaften Widerwillen, selbst noch nach sei-