Der Wanderer.
Beiblatt zur
- Zeitung
1850. — J£ 148.
△ Der Letzte der Uberti.
Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.
(Fortsetzung.)
X.
Fünf Jahre später.
Der Wagen Alfreds hielt vor seiner Wohnung. ES war eine jener modernen, koketten, artigen Wohnungen, hübsch bemalt und hell, aber ohne Charakter und ohne Größe wie alle Häuser, die in unserer Zeit entstehen. Indeß hatte Hr. v. Vaucel auS dem Innern dieser Wohnung einen wahrhaften Edelstein gemacht. Man weiß ja, was Lurus und Industrie heutzutage in Bezug auf Komfort und Eleganz hervorzubringen wissen, daher wollen wir uns nicht in unnütze und langweilige Details verlieren. DaS allein wollen wir ansühren, daß das Zimmer, wohin der junge Mann Matteo führte, mit allem Möglichen, was die Einbildungskraft nur Schönes und Annehmliches ersinnen kann, ausgeschmückt war. ES war ein wirkliches Heiligthum, in dem die kostbarsten Stoffe, die Meisterstücke der Kunst, die schönsten Antiqui, täten, die seltensten Gefäße mit dem ausgesuchtesten Geschmacke, dem geistvollsten Takte aufgestellt waren.
Noch war Niemand in dieS sanctum sanctorum gedrungen, das Herr von Vaucel allen profanen Augen verschlossen hielt, sogar Matteo kannte 'nicht die Existenz dieses entzückenden Ortes, obgleich er ost Alfreds HauS besuchte: er konnte daher einen Ausruf deS Erstaunens nicht unterdrücken, als er eintrat.
Alfred führte Matteo zu einem großen Gemälde, das mit einem seidenen Schleier bedeckt war. Der junge Mann hob diesen Schleier auf, und man sah das schönste Antlitz, welches jemals em Künstler hervorzubringen daö Glück gehabt. Es war kein junges Mädchen, eS war mehr, eine Frau im vollen Glanze der Schönheit.
, Als Alfred den Schleier lüftete, der dieses kostbare , Bild verhüllte, war Matteo einen Schritt zurückgewichen, und sich gegen einen Stuhl stützend, legte er die Hand auf sein Herz, als wenn er dessen Zerspringen hindern wollte. Sein Antlitz war bleich, seine Augen erloschen, sein halb geöffneter Mund hatte keinen Ton mehr, ein kalter Schweiß benetzte seinen ganzen Körper.
Gänzlich in die Betrachtung seines so sehr geliebten Bildes versenkt, sah Alfred nicht die plötzliche Aenderung, die in Matteo vorging, so daß dieser Zeit gewann, seine Aufregung zu verbergen.
„Was sagen Sie dazu"? rief Julien enthusiastisch aus.
„Wenn sie diesem Porträt gleicht"...
„Die Aehnlichkeit ist frappant", unterbrach Julien.
„In diesem Falle ist sie noch schöner als früher".
„Sie kennen sie also"?
„Ja, sagte Matteo dumpf, ich kenne sie".
„Weich' glückliches Zusammentreffen! Dann können Sie mir wohl einige Details über ihre Familie geben" ?
„Hat sie denn nie von ihrer Familie zu Ihnen gesprochen" ?
„Doch, aber wenn sie zu dem Punkte gelangt, wo sie von ihren Eltern einem verhaßten Gemahle geopfert wird, berührt sie die Sache.nur mit dem äußersten Widerwillen".
„Das begreife ich".
„Als unglückliches Opfer eines ihrer Schönheit und Seelenreinheit unwürdigen Mannes hat sie so viel Unglück erduldet, so viel gelitten, daß ich ihr Schweigen ehre, denn wenn sie einen Blick hinter sich wirft, so füllen sich stets ihre Augen mit Thränen".
„Armer Freund"!
„Glücklicherweise kündigt sich die Zukunft für sie lachender an als die Vergangenheit; ich werde ihr ergebener Gatte seyn" !
