Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — â 138
A Der Letzte der Uberti.
Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.
(Fortsetzung.)
VIII.
Letzte Unterhaltung.
Matteo hatte einen Augenblick den Lauf seiner Erzählung unterbrochen. Er sammelte sich wieder und fuhr dann fort:
„Nicht ungestraft, Alfred, tödtet man Jemand Seinesgleichen, selbst im Falle rechtmäßiger Vertheidigung; als einen solchen kann man das Duell betrachten, wobei es sich um die Ehre einer Familie handelt. Wenn man mit den Waffen in der Hand sein Eigenthum vertheidigen darf, so hat man doch wohl ein noch weit größeres Recht, seine Familie, das heiligste Gut, zu vertheidigen".
„Nichts destoweniger empfindet der Mensch Bedauern , — sagen wir es frei — Gewissensbisse, auch wenn seine Hand sich mit dem Blute selbst eines Stras- baren färbt".
„Unter der Herrschaft dieses Gefühls floh mich der Schlaf die ganze Nacht hindurch".
„Ich stieg in den Garten hinab. Ein geheimer Trieb leitete mich unter die Fenster Teresinaö. Tiefe Ruhe herrschte überall".
„Ich setzte mich auf einen alten Baumstamm, und überließ mich dem natürlichen Lause meiner Gedanken".
„Ich saß einige Minuten da, als die Stimme Tere- sina's, anfangs sanft und kaum vernehmlich, sich hören ließ. Sie sang die Romanze aus Othello".
„War eö die magische Einwirkung dieser klagenden Melodie auf mich oder der Reiz dieser reinen und lieblichen Stimme? Ich weiß eö nicht, aber wie von unwi-
| derstehlicher Gewalt getrieben, trat ich näher. Der Gesang ward zärtlicher, die Stimme klangvoller; ich war bezaubert, hingerissen wie ehemals".
• „Der letzte Ton der Romanze war in den Lüften verklungen, doch immer noch horchte ich mit angehaltenem Athem, als wenn die Stimme noch ertönte".
„Ich wollte mich endlich entfernen, als die Stimme von neuem hinter dem Fenster des Kiosk ertönte; sie sang die neapolitanische Barkarole, die ich bereits am Morgen gehört. Diesmal konnte ich nicht widerstehen".
„Ich kehrte in daS Haus zurück, und die Gallerie durchschreitend, welche zum Pavillon führte, stieß ich den Riegel zurück, der die Thüre verschloß".
Das Zimmer, in das ich trat, war ein wahrhafter Harems-Saal. Ein betäubender Wohlgeruch erfüllte dasselbe: Die Mauern waren .mit farbigen arabischen Arabesken im Style der Alhambra bedeckt, die Decke war von künstlich geschnitztem Zedernholz, der Marmor deö Fußbodens war mit Teppichen von tausend verschiedenen Farben bedeckt; seidene DivanS liefen rings an den Wänden hin und weiche Kissen befanden sich an verschiedenen Orten. Eine silberne, von der Decke herabhängende Lampe mit wohlriechendem Oele warf einen weißen und schwachen Schein umher.
An einem Fenster lag Teresina, eine Mandoline in der Hand, auf Kiffen hingestreckt.
Bei dem Geräusche, das mein Eintritt verursachte, wandte sie langsam den Kopf wie eine Frau, die Jemanden erwartet.
„Sie find es, Matteo, sagte sie schmachtend; Sie würdigen also endlich Ihre Gesänge eines Besuches" ?
„Lassen wir die Vorwürfe, Teresina, antwortete ich ihr; ich hätte Ihnen sonst zu viel zu machen".
„Als ich Sie um Gehör bat, Matteo, war ich bereit, sie zu erdulden".
