Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 134
△ Der Letzte der Uberti.
Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.
(Fortsetzung.)
Bei dieser Formel deS orientalischen Fatalismus glaubte ich allen Ernstes, Manetti habe seine Religion abgeschworen. Manetti errieth meine Gedanken und seine türkische Weste öffnend zeigte er mir ein kleines, goldenes Kreuz, das er an einem seidenen Bande trug.
„Es ist daS Kreuz meiner Schwester, sagte er traurig."
Eine Trâne rollte über die gebräunte Wange des Christen Achmet.
„ES ist das Kreuz deiner Schwester, wiederholte ich, mit der Hand über die Stirn fahrend" . . .
„Es ist das Kreuz Beatriceu's."
„Beatrice! Beatrice! das schöne Kind, daS ich so sehr liebte, und das stets, das blonde junge Mädchen, mit unsern Degen spielte, mit den Degen, welche bald... doch deine Augen sind voll Thränen . . . dein Mund bleibt stumm, Beatrice! sie ist nicht mehr" . . .
Manetti faßte meine Hand, und sie in der seinigen drückend schlug er die Augen zum Himmel auf.
„Sie ist dort! sagte er."
Eine schmerzliche Erinnerung bedrückte mein Herz. Ich gedachte des schönen Kindes, das mit seinen langen goldlockigen Haaren und seinen schwarzen lebhaften Augen so unmuthig aussah; wie hatte der Tod diese blühende und junge Blume knicken können? Ich gedachte auch, wie oft Luigi mir gesagt hatte, indem er auf sie deutete, die unter den Harzebuchen fröhlich dahin sprang:
„Matteo, wir werden bald Brüder seyn !"
Doch hatte eine Frau diese Projekte vernichtet; das Glück, dessen Schatten ich nachjagte, war für mich verschwunden; zugleich auch war das Wehe über die Fami
lie Manetti hereingebrochen. Ich begriff recht gut, daß ein schreckliches Geheimniß dabei obwalte, doch wagte ich nicht danach zu fragen, aus Furcht, mich noch anklagen zu müßen.
Ich brach jedoch zuerst das schmerzliche Schweigen.
„Ambrosio, sagte ich, es ist nicht Zufall, was uns hier auf den Planken dieses Schiffes vereinigt, mitten in der Nacht, auf den Wellen eines fremden Meeres. Giovanni und ich verfolgen eine gemeinsame Sache; doch was kann Dir viel daran liegen, ob Herr von Cour, val uns entgeht oder unter unseren Streichen fällt" ?
„Was mir daran liegt! Du sollst eö erfahren, Matteo ; die Geschichte ist nicht lang."
„Du wirst Dich erinnern, Matteo, der Degenstich, den Du mir gabst, durchbohrte meine Brust, er konnte tödtlich seyn, doch Dank der Sorgfalt und dem Talente des Doktors Sprezzo war ich bald außer Gefahr".
„Meinem Verlangen gemäß brachte man mich in meine Villa Parmesia, sechs Meilen von Neapel, wo mich Niemand außer dem Arzte besuchte; meine Seele war gefährlicher verletzt, als mein Körper".
„Ich ließ Beatrice zu mir kommen, die sich in diesem Augenblicke im Kloster zu Neapel befand".
„Es kam mir vor, als zerstreute daö liebliche Antlitz dieses jungen Mädchens und ihre schwesterliche Sorgfalt meine trüben Gedanken und erleichtere die Langeweile der Genesung".
„Unglücklicher Einfall, den ich hatte! Während ich auf dem Krankenbette lag, schlich sich der nämliche Mann, der Deine Eristenz vergiftete, der Graf von Courpal, in das Herz meiner unglücklichen Schwester ein, und indem er auf sie jenen bezaubernden Einfluß ausübte, den Du an ihm kennst, gelang eö ihm, sie zu verführen. Nach vier Monaten, als ich in die Welt zurückkehren wollte, erfuhr ich auS dem Munde meiner unglücklichen Schwe-
