„In der That , unterbrach ich, als wenn ich aus einem Traume käme, was bedeutet diese Kleidung, diese Barke? Wie kommt es, daß der glänzende Manetti zum Korsaren Achmet geworden ist? Wie kommt es, daß er, den ganz Neapel, ganz Italien für todt hält, noch lebt und sich als Pirat auf dem schwarzen Meere befindet?
„Dein Degen, erwiederte der Graf, dein Degen, Matteo, hat eine noch tiefere Wunde gemacht, als Du glaubst.
Bei diesen Worten fuhr Manetti konvulsivisch mit der Hand über seine von Schweiß bedeckte Stirn.
„Wenn auch deine Hand, fuhr er fort, nicht den Mann tödtete, so hat sie, ohne eS zu wollen, die Ehre seines NamenS vernichtet."
„Die Ehre seines Namens! rief ich, im Voraus erschreckt von dem Geheimnisse, das ich erfahren sollte."
„Nicht Dich klage ich deßhalb an; der Himmel hat eS so gewollt; es stand geschrieben." (Forts, folgt.)
Die Liebesprobe.
(Fortsetzung.)
Ohne dem jungen Offizier noch längere Zeit zu gönnen, sich von seinem Erstaunen zu erholen, reichte sie ihm den kostbaren Ring und schritt der Thüre zn, unter welcher sie sich indeß noch einmal umwandte, um hinzuzusetzen: „Belieben Sie einen Augenblick hier zu verziehen; man wird Ihnen sogleich melden, wenn der Wagen, der Sie zurückführen soll, wieder bereit ist"!
„Zieht ein Mährchen aus Tausend und Einer Nacht an mir vorüber"?!" rief Stafford, der sich von seiner Ueberraschung nicht erholen konnte; — „ich träume doch nicht, denn hier ist der Brillantring, den Sie. mir gegeben hat. Wahrlich, es kann nur die Gräfin seyn! Sie liebt mich, will mich auf die Probe stellen . . . wohlan denn! Ich werde bestehen! Ach, dort ist ja noch ihr Porträt, daS sie auf dem Tische zurückgclassen hat! ES bedarf nur einer Kleinigkeit, um auch den sorgsamst angelegten Plan scheitern zu machen!" — Er trat bei diesen Worten an den Tisch und zog das Tuch von dem Medaillon, — allein es enthielt nicht das Porträt der Gräfin Palestrina; — „sie ist's nicht", setzte er schmerzlich hinzu, „sie ist ihr zwar ähnlich, allein sie ist's nicht selber, — eS bleibt kein Zweifel, denn dort liegt noch das Kleid auf dem Divan, worin sie sich hat malen lassen!"
DaS Zöschen, welches ihn hieher geführt hatte, trat in diesem Augenblicke in's Gemach und meldete, daß der Wagen bereit sey. Schweigsam und enttäuscht warf sich Stafford hinein und rollte der Stadt zu; binnen einer halben Stunde erreichte er den Porto Franco wieder.
In einem der schönsten Palläste der prächtigen Strada Balbi war eine glänzende Gesellschaft versammelt. Die große Marmortreppe war hell erleuchtet und mit den seltensten Blumen verziert, der Lichtglanz der Girandolen erfüllte zwei große Säle voll Spiegel, Vergoldungen und Skulpturen, die einen feenhaften Anblick gewährten. Rings um die beiden großen Salons war eine Reihe kleinerer Gemächer geöffnet, die für Erfrischungen, Musik ic. vorbehalten waren. Stafford hatte sich vom Freihafen aus rasch an Bord begeben, seine Uniform angelegt, und sich dann nach dem Palast des Marchese Verni bringen lassen, wo er die Elite der genuesischen Einwohnerschaft versammelt sah; er durchschritt die beiden Gemächer, wo getanzt wurde, und setzte sich in der Ueberzeugung, daß seine geheimnißvolle Unbekannte noch nicht angelangt seyn könne, endlich in einem kleinen Salon nieder, wohin der Klang zweier herrlichen Stimmen von seltener Reinheit, welche ein Duett von Bellini sangen, ihn gelockt hatte. Er hatte kaum Platz genommen, so hörte er den Namen der schönen Lucia Sforza murmeln, und gewahrte auf der Schwelle der Thüre zwei junge Damen, in deren Einer er in Tracht und Antlitz sogleich daS Original des Medaillons erkannte, von welchem er den kostbaren Brillantring erhalten hatte.
Trotz der Umstände, die ihm bis zur Evidenz zu beweisen schienen, daß die Dame, welche ihn'zu dem Stell- dichein geladen, nicht die Gräfin Palestrina war, hatte Stafford doch inzwischen noch einige Hoffnung gehegt, daß sie dabei im Spiele sey; allein nun überzeugte er sich davon, daß er sich nicht ferner Illusionen hierüber machen dürfe, denn die augenfällige Ähnlichkeit in Wuchs, Haltung, Miene und Manieren, welche Lucia Sforza mit der Gräfin Palestrina theilte, ja sogar daS Kleid, welches sie jetzt trug, und daS er sowohl auf dem Porträt als auf dem Divan liegend gesehen hatte, störten alsbald seiner Träume Lauf.
Die beiden Damen wurden von dem Admiral deS sardinischen Geschwaders begleitet, mit welchem Stafford bereits bekannt war, und dieser nützte die Gelegenheit, ihn den Damen zuzuführen und vorzustellen. Da die Gräfin Sforza Lust hatte, in den großen Salon zurück zu kehren, reichte ihr der junge Offizier den Arm und schritt mit ihr hinaus.
„Madame" ! hub er mit leiser Stimme an, „Niemand kann Ihren Reizen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen als ich, und ich bin in der That stolz auf den Beweis von Achtung, den Sie mir gegeben haben".
Die edle Genueserin wandte rasch den Kopf nach dem jungen Offizier und versetzte mit ziemlich unverhole- ner Betroffenheit und Entrüstung: „In der That, Sir, ich verstehe nicht, was Sie . . . ."
