Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1850. — 3f 1SS.
Arthur PenDenuls.
(Fortsetzung.)
„Wir wollen noch eine Flasche trinken, alter Knabe", sagte Pen. „Donner, ja das wollen wir machen! Hur- rah! Claret wie Wasser getrunken! Mein Onkel erzählte mir, daß er Sheridan fünf Flaschen trinken sah bei Brookes, ungerechnet eine Flasche Maraschino. Dies hier ist einer der feinsten Weine in England, wie er sagt. So ist's, weiß Gott. Nichts gleicht ihm. Nunc vino pcilite curas, — cras ingens iterabimus aequ— füllen Sie Ihr Glas , Smirke — ein Orth oft davon würde Ihnen nichts anhaben". Und Mr. Pen begann das Trinklied aus dem Freischütz anzustimmen. Die Fenster des Speisezimmers waren offen, und seine Mutter wandelte langsam draußen auf dem Rasenstücke, während die kleine Laura der unlergehenden Sonne zusah. Die wohlklingenden frischen Töne der Stimme deS Knaben kamen zu der Wittwe. ES erfreute ihr liebreiches Herz, ihn singen zu hören.
„Sie — Sie trinken zu viel Wein, Arthur", sagte Mr. Smirke sanft, „Sie regen sich über die Maßen auf".
„Nein" erwiederte Pen, „Weiber machen einem Kopfschmerzen, aber der Wein thut daS nicht. Fülle Dein Glas, alter Bursche, und laß uns trinken — ich sage Dir, Smirke, mein Junge, laß uns auf sie eins trinken — die Ihre mein' ich damit, nicht die Meine, um die ich mich, daS schwör' ich, nie mehr kümmere; — nein, nicht einen Pfifferling — nein, nicht die Spur — nein, nicht dieses GlaS Wein ist sie werth. Erzählen Sie mir 'waS von der Dame, Smirle, ich habe Sie oft nach ihr seufzen sehen.
„Oh l" ächzte Smirke — und sein wundervolles Cam- brie-Vorhemdchen mit den funkelnden Knöpfchen hob sich
von der Bewegung, welche seinen sanften und vieldulden, den Busen durchwogte.
„Oh — was für ein ungeheurer Seufzer!" schrie Pen, der sehr heiter wurde. „Fülle Dein GlaS, mein Junge, und trink den Toast. Sie können den Toast nicht ablehnen, kein Gentleman lehnt eS ab, einen Toast zu trinken. Hier, auf ihre Gesundheit und frisch Glück auf mit Ihnen, und möge sie bald Mrs. Smirke sein!"
„Sagen Sie so? fragte Smirke, ganz Zitttern und Zagen vor wonniger Aufregung. „Sprechen Sie wirk, lich so, Arthur?"
„So sagen, freilich sag' ich daS. Hinunter damit! Hier, auf Mrs. SmirkeS Gesundheit! Hei, ho, Hurrah".
Smirke stürzte das krampfhaft emporgehaltene Glas Wein hinunter, und Pen schwenkte das seine über dem Kopfe und schrie sein Lebehoch so laut, daß er seine Mutter und Laura draußen auf den Rasen in Ver, wunderung versetzte und seinen Onkel, der im Gesellschaftszimmer über der Zeitung ein Schläfchen machte, emporschreckle, so daß er sagte: „Dieser Junge trinkt mir zu viel!"
Smirke setzte sein Glas nieder.
„Ich nehme das Omen an, stieß der über und über rothgewordene Pfarrgehülfe stammelnd hervor. „O mein theurer Arthur, Sie — Sie kennen sie —*
„Was? — Myra Portman? Wünsche Ihnen viel Vergnügen, sie hat zwar eine verteufelt starke Taille, aber ich wünsche Ihnen doch viel Vergnügen', alter Bursche".
„Oh, Arthur", ächzte der Pfarrgehülfe abermals und schüttelte sprachlos das Haupt.
„Bitte um Verzeihung — bedauere, Sie beleidigt zu haben — aber sie hat in der That eine starke Taille, wie Sie wissen — eine teuflisch dicke Taille!" fuhr Pen fort,
