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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1850. — M 103

Arthur Pendennis.

(Fortsetzung.)

Augenblicklich nahm Pen wieder die tragische Helben- miene an. „Die Geschichte, Herr Onkel", sagte er, „ver­hält sich, wie ich sie Ihnen schon geschrieben habe. Ich habe die Bekanntschaft einer sehr schönen und sehr tugend­haften Dame gemacht, die von vornehmer, obwohl durch widrige Umstände etwas heruntergekommener Familie ist; ich habe das Weib gefunden, in welchem, wie ich über­zeugt bin, der Mittelpunkt meines LebenSglückeS ist; ich fühle, daß ich nie und nimmer an ein anderes Weib als sie denken kann. Ich weiß, daß wir verschiedenen Alters find, und daß stch noch andere Hemmnisse mir auf mei­nem Wege entgegenstellen. Aber meine Liebe war so groß, daß ich mir bewußt war, wie ich — wie wir Beide — dieselben alle überwinden könnten; und so hat sie einge, willigt, ihr LooS an das meine zu knüpfen und mein Herz und mein Vermögen anzunehmen."

„Na, mein Junge, wie viel ist denn DaS?" sagte der Major. „Hat Dir irgend Jemand etwas Geld hinter­lassen? Ich wüßte nicht, daß Du in der Welt auch nur einen Schilling besäßest".

„Sie wissen, was mein ist, das ist sein", schrie Mrs. Pendennis.

„Ei, so schweigen Sie doch, Madam!" hatte der Vor­mund auf der Zunge zu sagen, indeß er behielt sich in seiner Gewalt, obwohl nicht ohne Selbstüberwindung. „Kein Zweifel, kein Zweifel!" sagte er. „Sie würden Alles für ihn zum Opfer bringen. Das weiß alle Welt. Aber, alles Das zugegeben, ist's doch Ihr Ver­mögen, welches Pen der jungen Dame anträgt, und von dem er im achtzehnten Jahre Besitz zu nehmen wünscht."

„Ich weiß, meine Mutter wird mir etwas geben", sagte Pen, indem er eine sehr verlegene Miene machte.

„Ja, mein guter Junge, aber alle Dinge haben ihre zwei Seiten. Wenn Deine Mutter die Verwaltung des Hauswesens in Händen hat, so ist's nicht mehr wie billig, daß sie sich ihre Gesellschaft auSwählt. Wenn Du lhr aber das Haus über dem Kopfe verschenkst, denkst Du denn nicht, daß Du da wenigstens meiner Schwägerin als einer der dabei hauptsächlichst Betheiligten hättest das Wort drum vergönnen sollen? Ich spreche zu Dir, wie Du siehst, ohne den geringsten Verdruß und ohne mir eine Autorität beizulegen — sondern nur als ein Mann von Welt zum andern; aber ich frage Dich, ob Du meinst, daß, weil Du mit Deiner Mutter thun kannst, was Dir beliebt, Du deßhalb auch ein Recht hast, so zu thun. Da Du von ihr abhängig bist, würde eS nicht von einem edleren Gemüthe gezeugt haben, wenn Du mit diesem Schritte noch gewartet und ihr zum Min­desten die Höflichkeit erwiesen hättest, sie um ihre Er­laubniß anzugehen".

Pen senkie den Kopf, und eS begann in ihm der Gedanke aufzudämmern, daß die Handlung, auf die er, als ein Beispiel romanhaft großmüthiger, sich selbst ver. leugnenvcr Zuneigung, sich etwas zu Gute gethan, mög­licherweise ein Stück selbstsüchtigster, halsstarrigster Thor­heit sey.

„Ich that dies in einem Augenblick, wo mich die Leidenschaft übermannte", sagte Pen störrisch. „Ich wußte nicht, waS ich sagte oder that (hierin sprach er die vollkommene Wahrheit). Aber jetzt ist's einmal aus­gesprochen, und ich bleibe dabei. Nein, ich kann es weder, noch will ich's widerrufen. Eher will ich sterben, als Das thun. Und ich — ich will meiner Mutter nicht beschwerlich fallen", fuhr er fort. „Ich werde für mich arbeiten; werde auf die Bühne gehen uud mit ihr auftreten. Sie — sie sagt, ich würde dort recht gut hinpassen".