Paris üblichen Mode, wegen der Trauer um seine Mutter trug, einen durchaus ungünstigen Eindruck auf die junge Person machten, die ebensowohl vergeßlich, als auch unterdessen eine bessere Beobachterin geworden seyn konnte. Blick und Gruß zeigten Mozart deutlich an, daß er förmlich verabschiedet sey. Er faßte sich aber schnell;, machte Aloysia weder Vorwürfe, noch erinnerte er sie an ihre Schwüre, sondern eilte, ohne ein Wort zu sprechen, an das Klavier, und sang mit klarer, vernehmlicher Stimme der treulosen Sängerin in'S OHr: „Ich laß das Mädel gern, das mich nicht will." *)
Aloysia hatte eine Schwester, deren Name schon ein Unterpfand war, daß sie wenig moralische Aehnlichkeit mit der Sängerin hatte. Konstanze sang gar nicht oder nicht viel, aber sie spielte Klavier. Mozart hatte ihr einige Lektionen gegeben; die Schülerin hatte Mitleiden mit dem^Lehrer, und eS ist eine bekannte Sache, daß vom Mitleiden zur Liebe nur ein Schritt ist. In Mo- zartsMunsche lag es, sich mit der Familie Weber zu verbinden, und da eö fünf Töchter in derselben gab, so war seiner Wahl immer noch ein großer Spielraum gelassen. Wenn ihm auch Aloysia entging, so konnte sie durch Konstanze ersetzt werden; und so war es auch, denn einige Jahre nachher wurde Konstanze Mozart's Frau. —
Nachdem Mozart seine Stelle als Hof- und Dom- Organist (so lautete sein Titel) angetreten hatte, brachte er zwei Jahre unausgesetzt in Salzburg zu. Dieser Zeitraum bietet nichts, was der Erzählung werth wäre.
(Fortsetzung folgt.)
Auf dem Stephansthurm.
Wiener Bilder.
(Fortsetzung.)
Messenhauser fuhr auf und stieß eine Verwünschung aus; doch schnell sich fassend, setzte er mit geringschätzigem Lächeln hinzu: „Du bist ein Dichter, ein Phantast." — „Und vu?" fragte der andere entgegen, „bist du etwa kein Dichter?" — „Nur so nebenbei," meinte Messenhauser; „ich war von früher Jugend an ein Kriegsmann. In meinem Leben bring' ich eS zu keiner Lusiade, keinem Don Quichote, keinen Todtenkränzen; doch als Soldat will ich's mit CamoenS, Cervantes und Zedlitz getrost
*) Aloysia heirathete später den Schauspieler Lange. Die Ehe wurde sehr unglücklich. Ihre Hauptglanzperiode siel aber erst in die Zeit nach Mozart's Tode, dessen Kompositionen sie ihre schönsten Triumphe verdankte. Sie gestand auch später ein, daß sie seinen Genius nicht geahnt und früher nur den kleinen, unbedeutenden Mann in ihm gesehen habe. D. V.
aufnehmen. Du aber, mein Jüngling AloysiuS, du bist all deiner Lebtage nichts anderes gewesen als ein Dichter." Loysel blieb die Antwort nicht schuldig. „Ich will dir sagen, was ein Dichter ist," hob er an. „Der Dichter von ehedem, der freilich schwebte zwischen Himmel und Erde. Seit einem Menschenalter ist das jedoch anders geworden, von Stufe zu Stufe. Diejenigen, welche zuerst diesen Umschwung vorbereiten halfen, haben dessen wenig Dank; dennoch wäre ohne Spieß und Kramer die romantische Schule nicht möglich gewesen, und ohne die Romantiker nicht die geschichtliche, welche mit Walter Scott begann."
Messenhauser drehte sich um und rief mit starker Stimme: „Siehst du noch nichts, Feuerfuchs?" — „Es nebelt und schwebelt vor meinen Augen," antwortete der Mann am Fernrohr. — „Wie vor meinen Ohren," scherzte der Befehlshaber. Ohne sich stören zu lassen, fuhr Loysel fort: „Walter Scott hat zuerst mit Erfolg die Dichtung auf den Pfad der Wirklichkeit geleitet. Er begann mit der Vergangenheit und zeichnete das Leben der Vorzeit nicht nach überlieferten Mustern, sondern unmittelbar nach der Natur. Seitdem lernten wir Dichter erkennen, daß der liebe Herrgott unser ächter und rechter Altmeister ist, und durch die Vergangenheit drangen wir Schritt für Schritt zur Gegenwart vor. Unsere Lehrmeister sind die Geschichte und das Leben, und daher kommt es, daß der Dichter von heutzutag die Gegenwart wenigstens eben so gut versteht wie der gelehrteste Staatsmann/ — „Ich wills ja zugeben," sagte Messenhauser; „auch magst du einmal als Zeitungsschreiber diese Gründe für dich anführen, wenn die Leute fragen sollten, wie du als Dichter dazu kommst, dich mit der Tagesschriftstellerei zu besassen, statt sie den Professoren zu überlassen. Doch was soll ich jetzt hier oben mit deiner Abhandlung beginnen?" Loysel sprach weiter: „Du sollst sie hinnehmen als etwas, daS du mir abgenöthigt hast. Nachdem ich mein Recht zum Mitsprechen begründet , will ich auf die Sache selbst eingehen." — „Schau, schau," rief Wenzel, „du zeigst Anlagen zum Rechtsanwalt. Allez donc plaider au fond , maitre Aloyse."
„Spotte nur zu, aber höre mich," sprach Loysel. „Du erinnerst dich so gut wie ich, und eigentlich noch besser, der Zeit, in welcher bei uns der stolze Ungar für das Musterbild eines freien Mannes galt. Zur Zeit deS seligen Franzl trug zu Wien Niemand einen Schnauzbart als der Ungar , und keiner wagte der Polizei grob zu begegnen wie er. Der Ungar hatte daheim eine Ver, fassung. Der Ungar hatte seit den Zeiten deö Kaisers Leopold des Ersten unaufhörliche Händel mit der Regierung. Wir ahneten nicht, daß alles daS, was wir den
