den sie nicht zu beobachten schien, obwohl er ihr Wort für Wort folgte, wand sich und rückte und zuckte und nickte und markirte die Kraftstellen, und als sie zu der Lieblingsstelle kam: „Auch ich habe einen Wilhelm, wenn er noch am Leben ist. Ach ja wohl, wenn er noch am Leben ist! und dann seine kleinen Schwestern! warum o Phantasie, quälst du mich so? Warum rufst du mir die Bilder meiner armen Kinder vor die Augen, wie sie, schwach vor Krankheit, ihre klagende Stimme erheben zu — zu ihrer M — m — mutter!" — als sie zu dieser Stelle gelangte, so begrub der kleine BowS sein Antlitz in sein blaueS baumwollenes Schnupftuch, nachdem er ein lauteS „Bravo!" ausgestoßen.
Das ganze Haus war ergriffen. Foker an seinem Theil nahm ein großmächtiges gelbes Bandannatuch heraus und weinte jämmerlich. WaS Pen betrifft, so war er dazu zu sehr außer sich gerathen. Er folgte dem herrlichen Weibe überall hin, und als sie die Bühne verlassen, war diese und das Haus vor ihm wie auSge- storben und die Lichter und die rothen Offiziere wirbelten in wildem Reigen vor seinem Gesicht. Er beobachtete sie, wie sie zwischen den Koulissen stand und wartete, bis sie wiederauf die Bühne zu kommen hatte, und wie ihr Vater ihr den Shawl abnahm; und als die Versöhnungsszene kam und sie sich an Mr. Bingley Hals warf, während sich die Kinder an ihre Knie klammerten, und die „Gräfin" (MrS. Bingley) und Baron Steinforth (von Garbetts mit großer Lebendigkeit und Laune gegeben) und Die übrigen Personen eine Gruppe um sie bildeten, so sahen Pen's heiße Augen nichts als die Fothe- ringay, Die Fotheringay, die Fotheringay! Der Vorhang fiel auf ihn wie ein Leichentuch. Er hörte kein Wort von dem, was Bingley sagte, welcher nochmals hervor- trat, um das Stück für den nächsten Abend anzusagen, und welcher den Beifallssturm, wie üblich, mit einer Miene einschlürfte, als ob er ihm gelte. (Forts, folgt.)
Mozarts Leben von Alexander Oulibicheff.
(Fortsetzung.)
1769—1771. Mozart hatte jetzt München, Wien, Paris, London, Holland und die Schweiz besucht, aber war noch nicht in Italien gewesen.
Schon längs beschäftigte der Gedanke L. Mozart an diese Reise, welche die Erziehung seines Sohnes vollenden und seinen Ruf vollends fest begründen sollte. Man kehrte deßhalb nach Salzburg zurück, studirte dort über Hals und Kopf den Kontrapunkt und
die italienische Sprache; und als man endlich nach Ablauf eines in Zurückgezogenheit verlebten Jahres sich für hinreichend ausgerüstet hielt, um vor dem obersten Gerichtshöfe der Musik in Bologna, dem der Pater Martini vorstand, zu erscheinen, beschloß man, sich auf den Weg zu machen. Die Mutter und Schwester Mozart'S blieben dieses Mal zu Hause. Vor der Abreise wurde Wolfgang noch zum Konzertmeister der erzbischöflichen Kapelle ernannt, was beweist, daß er damals schon die Violine nicht schlecht gespielt haben muß. Von dem Gehalte, den er dafür bezog, werden wir später sprechen.
Wir übergehen die Einzelheiten unter Wegs auf dieser ersten italienischen Reise, welche achtzehn Monate dauerte.
Kaum hatte Mozart den Fuß auf italienischen Boden gesetzt, als man ihm auch schon die Anerkennung zu Theil werden ließ, die man ihm in Wien so hartnäckig verweigert hatte. Der Unternehmer deS Theaters in Mailand bestellte sogleich eine Oper für den nächsten Karneval bei ihm. Weil aber der Maestro noch sieben bis acht Monate vor sich hatte, so wandte er diese Zeit dazu an, die Hauptstädte der Halbinsel zu besuchen, und so reiste er zuerst nach Bologna, dem Sitze der gelehrtesten Kontrapunktisten, an deren Spitze der berühmte Pater Martini: das musikalische Orakel seiner Zeit stand.
Der Areopag, der unsern Heros in Bologna erwar- tete, war, gleich dem in Athen, der verführerischen Sprache der Beredtsamkeit nicht zugänglich. Weder das Blendwerk einer vollendeten Virtuosität, noch daS Talent deS ZmprovisirenS, noch die bewunderungswürdigste Fähigkeit, Partituren zu lesen, vermochten vor diesen strengen Richtern zu genügen, deren Gerichtsbarkeit da anfing, wo nothwendiger Weise die deS Publikums aufhört. Mozart hatte deßhalb keine Ursache, sich zu beklagen, daß er durch die, welche ihn prüften, als Schüler behandelt wurde. Im Gegentheile, man schien ihm sagen zu wollen: Sie kündigen sich als ein Wunder an, und wir wissen wohl, daß Sie sehr gut Klavier spielen, daß Sie nicht übel impro- visiren und ziemlich geläufig Musik lesen. Man sagt selbst, daßsSie im Begriff stehen, eine Oper für das Theater in Mailand zu schreiben. Das ist Alles sehr viel für Ihr Alter; aber alles dieß geht nur das Publikum an, mit Dem wir Nichts zu schaffen haben. Weil Sie sich aber vor unsern Richlerstuhl stellen, so dürfen Sie es nicht übel nehmen , daß wir von Ihnen verlangen, daß Sie Ihre Ansprüche auf ein Wunder durch Proben rechtfertigen, die vor unsere Kompetenz gehören. Man legte ihm hierauf eine Antiphona aus dem Antiphonarium vor, die er vierstimmig setzen mußte. Mozart löste aber die Aufgabe mit solcher Meisterschaft und in so kurzer Zeit, daß er den höchsten Beifall seiner Richter erntete
