Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — JV» 87.
Arthur Pendennis.
(Fortsetzung.)
Diejenigen, welche Miß Fotheringay erst in ihren späteren Tagen, seit ihrer Verheirathung und Einführung ins Londoner Leben sahen, haben kaum eine Zdee davon, was für ein schönes Geschöpf sie war, als unser Freund Pen zuerst seine Augen auf sie warf. Sie war eine der schlanksten Frauengestalten, und in ihrem damaligen Alter von sechs und zwanzig Jahren — sechs und zwanzig nämlich war sie, obwohl sie behauptete, erst neunzehn zu seyn — in der Blüthe und Fülle ihrer Schönheit. Sie hatte eine hochgewölbte Stirn, ihr schwarzes Haar umwallte dieselbe in natürlichen Locken und war hinten über dem Halse in glänzende starke Flechten gebunden, wie man sie auf den Schultern der Venus des Louvre sieht, dieser Wonne der Götter und Menschen. Ihre Augen, wenn sie dieselben aufschlug, um Jemand anzublicken, und ehe sie ihre rosigen lang gewimperten Lider senkte, leuchteten von Zärtlichkeit und unergründlich geheimnißvollem Wesen. Liebe und ^Ge- nialität schienen daraus Hervorzuschauen und sich dann züchtig, als ob sie sich schämten, am Gitterfenster gese, Hen zu seyn, wieder zurückzuziehen. Wer, als ein Weib von hohen GeisteSgaben, könnte einen so gebietenden Ausdruck auf den Augenbraunen gehabt haben? Sie lachte nie — denn ihre Zähne waren allerdings nicht gut — aber ein Lächeln voll unendlicher Zärtlichkeit und Milde spielte um ihre schönen Lippen und in den Grüb, chen ihrer Wangen und an ihrem lieblichen Kinn. Ihre Ohren waren wie zwei kleine Perlmuschelschaalen, welche durch die Ohrringe, obwohl sie das hübscheste Stück des ■ gesammten Theatereigenthums waren, nur verunstaltet wurden. Sie war in lang herabwallende Gewänder von
schwarzem Zeuch gekleidet , welche sie mit wundervoller Anmuth im Faltenwurf erhielt und^ hin und her wogen ließ, und aus deren Falten man nurZgelegentlich ihre Schuhe sah, die allerdings von ziemlicher Größe waren, von Pen aber für eine so hinreißende Schönheit gehalten wurden, wie Aschenbrödels Pantöffelchen. Worin aber dieses herrliche Geschöpf am meisten sich auszeichnete, das waren ihre Hände und ihre Arme, und gewissermaßen konnte man sie gar nicht sehen, als durch dieselben. Sie umgaben sie. Wenn sie dieselben in frommer Ergebung über ihrem Busen faltete; wenn sie sie in stummer Verzweiflung sinken ließ, oder sie stolz befehlend erhob; wenn ihre Hände in scherzender Fröhlichkeit vor ihr herumflatterten und wogten, wie — nun wie sollen wir sa, gen? — wie die schneeweißen Tauben vor dem Wagen der Venus — so geschah es, daß sie mit diesen Armen und Händen ihre Bewunderer herbeiwinkte, zurückstieß, anflehte und umarmte — nicht etwa Einen von ihnen, denn sie war mit ihrer eignen Tugend und mit ihres Vaters Tapferkeit bewaffnet, dessen Schwert augenblick, lich aus der Scheide gefahren sein würde bei dem geringsten Angriffe, der seinem Kinde gedroht hätte — sondern das ganze HauS, welches, wie die stehende Redensart hieß, vor ihr ganz außer sich gerieth, wenn sie knirte und sich verbeugte und ihren Zauber auf dasselbe übte.
So stand sie eine Miaute lang da in ihrer vollendeten Schönheit, während Pen sie anstarrte.
„Na, Pen, macht die einem nicht wie knüll im Kopfe?"
„Bst!" sagte Pen; „sie wird sprechen."
Sie begann ihre Rolle mit einer tiefen Stimme zu sprechen. Und mit welchem überwältigenden Kummer, mit welchem stromartig hervorbrechenden Pathos trug „Mrs. Haller" ihre Rolle vor! Der kleine Geiger im Orchester,
